Thema des Monats

Anita Hermeling - „Ich lasse mich von meinen Erfahrungen inspirieren“

Anita Hermeling

„Ich lasse mich von meinen Erfahrungen inspirieren“

07.05.2010

Anita Hermeling hatte schon als Kind den Traum zu schreiben. Erst viel später, als ihre MS-Erkrankung sie zwang, ihren Beruf als Büroangestellte aufzugeben, setzte sie diesen lange gehegten Wunsch in die Tat um. 2001 veröffentlichte sie ihr erstes autobiographisches Buch „Die andere Freiheit auf Rädern – mein Leben mit der MS.“ Es folgten diverse Romane und ein Gedichtband.

Frau Hermeling, Sie haben Ihren Jugendtraum, schriftstellerisch tätig zu werden, schon vor einigen Jahren verwirklicht und sind mittlerweile Autorin von mehreren Büchern. Wie kam es dazu?


Ich war an einem absoluten Tiefpunkt in meinem Leben angelangt. Die Krankheit hatte sich verselbstständigt. Die Angst, mich zu verlieren, wurde größer und größer. Reden mochte und konnte ich mit niemandem mehr. Das war der Augenblick, als ich mich in mein Zimmer verkroch und mir die Finger wund schrieb. Die Wut, die mir die Luft zum Atmen nahm und Bauchschmerzen verursachte, fiel aufs Papier. So füllte sich eine Seite nach der anderen in meinem Tagebuch. Papier ist geduldig, saugt auf, was man nicht laut zu sagen wagt. Ich klagte Gott und Mitmenschen an mit Worten hart wie Granit. Doch dann, als ich mir endlich alles von der Seele geschrieben hatte, trat die Wende in mein Leben. Ich wurde wieder offen für den normalen Alltag, ließ mir von einer Psychologin bei den ersten Schritten helfen. Sie war es, die mich während eines Krankenhausaufenthaltes auf die Idee brachte, aus meinen vielen Tagebüchern ein Buch entstehen zu lassen. Ich machte mich daran, meine Lebensgeschichte zu verfassen, weil es sich gut und richtig anfühlte. Noch bevor ich die Klinik verließ, konnte ich mein komplettes Manuskript an einen Verlag schicken und träumte nicht länger nur von meinem fertigen Buch.

Was inspiriert Sie? Woher nehmen Sie die Ideen für neue literarische Projekte?


Ich lasse mich inspirieren von meinen Erfahrungen und täglichen Beobachtungen. Das Leben um mich herum liefert mir die besten Ideen – Patientengespräche im Krankenhaus, im Wartezimmer oder Treffen bei Freunden und im Familienkreis. Auch der Austausch mit anderen Autoren und Künstlern bringt immer wieder unverhoffte Ideen, um daraus mit Fantasie und Liebe zur Sprache und zum Ausdruck eine Geschichte entstehen zu lassen.

Was war das für ein Gefühl, als Sie Ihr erstes Buch in den Händen hielten?


Es war ein ganz besonderer Moment, meinen eigenen Namen schwarz auf weiß auf einem literarischen Werk wahrzunehmen. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Und doch gab es noch ein anderes Gefühl: In mir machte sich die Angst breit, wie dieses Buch bei den Lesern ankommen würde. Ich hatte mich öffentlich ausgezogen, meine Seele lag bloß. Erst als man mir versicherte, dass ich vielen Menschen aus der Seele gesprochen hätte, dass sie in meinem Buch Kapitel und Passagen entdeckten, die sie wieder aufgerichtet hätten, legte sich dieses Gefühl langsam und Freude und Stolz über mein erstes Werk überwogen.

Dagmar Berghoff hat Sie jüngst für einen Vortrag zum Thema „Krankheitsbewältigung“ inklusive Lesung nach Hamburg eingeladen. Wie kam es dazu?


Ich glaube nicht an Zufälle. Ein Arzt las meine Bücher. Sie gefielen ihm so gut, dass er sie seiner Familie und Freunden zum Lesen weiterreichte. Auch Frau Berghoff, die die Vorsitzende des Freundeskreises des Israelitischen Krankenhauses e.V. ist, erfuhr so davon. Sie lud mich nach Hamburg ein, um dort vor Publikum einen Vortrag zum Thema „Krankheitsbewältigung“ zu halten und Passagen aus meinen Büchern vorzulesen. Selbstverständlich erklärte ich mich einverstanden und kam der Bitte im April nach.

Viele Autoren berichten von einer therapeutischen Wirkung des Schreibens. Würden Sie sagen, dass Ihnen das Schreiben bei der Krankheitsbewältigung hilft?


Das kann ich uneingeschränkt bestätigen! Sobald ich meinen Kummer auf das Papier fallen lasse, fühle ich mich so, als hätte ich eine schwere Last abgegeben. Ich lerne, meine Sorgen real einzuschätzen und überlasse der Krankheit nicht mehr unnötig Raum und wertvolle Zeit.

Was würden Sie anderen MS-Betroffenen raten, die davon träumen, ein Buch zu schreiben?


Einfach drauf los schreiben! Stil und Ausdruck immer wieder verfeinern. Stets Stift und Papier dabei haben, weil es Situationen gibt, die schnell eingefangen werden möchten. Keine Angst haben, öffentlich zu werden, wenn man das Manuskript auf die Reise geschickt hat. Wichtig: Auf keinen Fall verzagen und den Mut verlieren, wenn eine Absage kommt! Wenn man fest an sich glaubt, wird es auch ein eigenes Buch geben.



Anita Hermeling, Bürokauffrau und Autorin, ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrem Mann in Lindern/Oldenburg. Vor rund 30 Jahren zwang die MS sie zum Umdenken. Zunächst durch die Malerei gewann sie ihr altes Selbstvertrauen zurück. Dann eröffnete ihr das Schreiben eine neue Lebensperspektive. Heute hält Anita Hermeling Lesungen und Vorträge zum Thema Krankheitsbewältigung.

Weitere Informationen zur Autorin sowie die aktuellen Termine ihrer Lesungen finden Sie auf www.anitahermeling.de

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