Thema des Monats

Edina Müller - Interview: Sportlicher Erfolg trotz Rollstuhl

Edina Müller

Interview: Sportlicher Erfolg trotz Rollstuhl

21.02.2011

Edina Müller sitzt im Rollstuhl seit sie 16 Jahre alt ist. Damals wollte die ehemalige Volleyballerin gerne wieder Sport treiben und landete durch Zufall beim Rollstuhlbasketball. Das war der Anfang einer glänzenden Karriere. Als deutsche Nationalspielerin wurde sie mit ihrer Mannschaft zweimal Europameister und holte bei den Paralympics 2008 die Silbermedaille. Während eines Aufenthaltes in den USA feierte sie auch dort Erfolge und wurde mehrfach amerikanischer Meister.

„Ich wollte auch im Rollstuhl weiter aktiv sein.“


Sie sind seit 2000 aufgrund einer Querschnittslähmung auf einen Rollstuhl angewiesen. Wie kam es damals dazu, dass Sie im Rollstuhlsport aktiv wurden und eine Laufbahn als Profisportlerin einschlugen?

Da ich schon früher viel Sport gemacht habe, war klar, dass ich auch im Rollstuhl weiter aktiv sein wollte. 2003 bin ich nur zum Spaß von einem Bekannten mal zum Training mitgenommen worden. An mehr hatte ich zu dem Zeitpunkt nicht gedacht.


Wie kann man sich den Alltag einer Nationalspielerin vorstellen? Wie oft trainieren Sie?

Während der Saison trainiere ich drei Mal die Woche mit meinem 1. Bundesliga Team ASV Bonn. Dazu kommen ca. zwei bis drei Mal Krafttraining die Woche und nach Bedarf noch Physiotherapie. An den Wochenenden haben wir dann immer abwechselnd Heim- und Auswärtsspiele. Die Vorbereitung mit der Nationalmannschaft beginnt im späten Frühling oder Frühsommer, da EM, WM oder Paralympics meistens in den Herbstmonaten angesiedelt sind. Während des Sommers trainieren wir in der Regel vier bis fünf Tage die Woche mit den Nationalspielerinnen aus unserer Umgebung und sind dazu mehrere Wochen auf Turnieren und in Trainingscamps auf der ganzen Welt. Zurzeit gehören außer uns die USA, Kanada, Australien und Japan zu den stärksten Mannschaften.


Vor einigen Jahren spielten Sie zunächst Rollstuhltennis, blieben dann jedoch beim Rollstuhlbasketball. Was begeistert Sie besonders am Mannschaftssport?

Ich komme ja ursprünglich aus dem Mannschaftssport, da lag die Wahl nahe. Rollstuhlbasketball hat mich aber sofort begeistert. Es ist ein sehr dynamischer, schneller Sport, den aber jeder ausüben kann, vom Breitensport- bis zum Leistungssportlevel. Dazu kommt, dass es ein integrativer Sport ist, Frauen und Männer sowie Menschen mit und ohne Behinderung spielen zusammen. Der Rollstuhl wird dadurch für alle zum Sportgerät.


Was ist Ihr nächstes sportliches Ziel?

Mit meiner Vereinsmannschaft ist das nächste Ziel das Erreichen der Play-Offs und im Europapokal in der Champions League Vorrunde weiterzukommen. Mit der Nationalmannschaft heißt es, dieses Jahr unseren Europameistertitel zu verteidigen. Im Auge ist aber auch schon die Vorbereitung auf die Paralympics 2012 in London. Vor vier Jahren konnten wir in Peking Silber holen. Dort haben uns die USA im Finale geschlagen. Bei der WM 2010 war es wieder verdammt knapp. Dort haben wir das Finale gegen die USA mit nur einem Korb verloren. Da ist also noch eine Rechnung offen.


Zurzeit studieren Sie Heil- und Rehabilitationspädagogik an der Universität Köln. Was sind Ihre beruflichen Pläne?

Im Moment stecke ich mitten in meinen Diplomprüfungen. In welche berufliche Richtung ich danach gehe, ist noch nicht ganz klar. Ich arbeite zurzeit als wissenschaftliche Hilfskraft an der Sporthochschule, was mir sehr viel Spaß macht und was ich gerne noch weiter machen möchte. Ich kann mir auch vorstellen, in einer Rehaklinik in der Sporttherapie tätig zu sein.


Viele Menschen mit MS, die plötzlich auf den Rollstuhl angewiesen sind, würden gerne wieder sportlich aktiv werden. Was würden Sie diesen Menschen raten?

Mut zum Ausprobieren ist wichtig. Man muss nur das Richtige für sich finden. Das Angebot ist vielfältig, es ist also für jeden etwas dabei. Egal ob man nur hin und wieder Handbiken möchte oder zum Spaß mit anderen Basketball spielt. Unsere Rollstuhlbasketballtrainings sind zum Beispiel immer offen für Leute, die den Sport ausprobieren möchten. Die meisten Vereine haben auch Rollstühle für den Anfang. Interessierte sind bei uns immer herzlich willkommen.


Viele MS-Betroffene erhalten die Diagnose in sehr jungem Alter. Würden Sie sagen, dass Ihnen der Sport damals geholfen hat, die Behinderung zu akzeptieren und Ihr Leben zu meistern?

Auf jeden Fall. Ich war 16 Jahre alt als ich die Diagnose Querschnittlähmung bekam. Durch das Medium Sport hat man direkt eine lockere Basis und bei jeglichen Problemen nette Ansprechpartner und natürlich das wichtigste: viel Spaß. Man lernt andere Betroffene kennen, die ihr Leben ganz normal meistern, und man sieht, was alles möglich ist.


2008 wurden Sie mit der Damennationalmannschaft zur Mannschaft des Jahres im Behindertensport gewählt. Würden Sie sich auch jenseits solcher Auszeichnungen mehr Aufmerksamkeit für den Rollstuhlsport in Deutschland wünschen?

Mehr Medienpräsenz wäre natürlich wünschenswert, obwohl wir da auf einem sehr guten Weg sind. In Deutschland haben wir eine der größten Ligen weltweit, aber leider wissen viele Leute gar nicht, dass sie auch ohne im Rollstuhl zu sitzen Rollstuhlbasketball spielen können. Wir haben viele ehemalige Basketballer, die z. B. nach einer Knieverletzung Basketball nicht mehr auf dem vorherigen Niveau spielen können und so zum Rollstuhlbasketball gekommen sind. Also wie gesagt, einfach eine neue Erfahrung machen und ausprobieren!


Weitere Informationen:
www.rollstuhlsport.de
www.myhandicap.de/behinderung_sport.html
www.stiftung-deutscher-rollstuhlsport.de
www.asv-bonn.de

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