Thema des Monats

Maximilian Dorner - Interview: Tabuthema Scham

Maximilian Dorner

Interview: Tabuthema Scham

06.09.2010

Mit Maximilian Dorner, Autor und MS-Betroffener, sprachen wir im Interview über ein unangenehmes Gefühl, das jeder kennt – die Scham. Er erzählte uns, wann und warum er sich schämt und was seine MS-Erkrankung damit zu tun hat.




"Das ist vielleicht das Schlimmste, dass man darüber nicht sprechen kann"



In Ihrem aktuellen Buch "Ich schäme mich" beschreiben Sie, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, den Kampf gegen Ihre Scham. Wieso schämen Sie sich und warum haben Sie ein Buch zu dem Thema geschrieben?

Die grundlegende Erfahrung war, dass ich mich für meinen Gehstock in einer Disko geschämt habe. Und das vor denselben Menschen, denen ich im Café entspannt gegenübersitze! Das wollte ich mir von der Scham nicht bieten lassen. Deswegen bin ich für dieses Buch einmal durch das Fegefeuer der Peinlichkeit und die Hölle der Scham gegangen und habe versucht zu beschreiben, was mir dabei begegnet ist. Der letzte Teil des Buches ist den Techniken der Menschen gewidmet, mit der Scham umzugehen. Warum ich mich schäme, weiß ich jetzt auch nicht, aber wie, das weiß ich ganz gut. Und das ist schon sehr lindernd.

Wie unterscheiden Sie zwischen Scham und Peinlichkeit?

Peinlichkeit findet für mich an der Oberfläche statt. Scham viel weiter unten im Keller. Peinlichkeit verursacht Hitze: Wir erröten. Die Scham jedoch lässt einen gefrieren, sie ist eiseskalt. Und diese vereisende Kälte macht einsam. Das ist vielleicht das Schlimmste, dass man darüber nicht sprechen kann. Auch deswegen wollte ich dieses Buch schreiben, gegen die Sprachlosigkeit.

Schämen Sie sich nach der Auseinandersetzung mit dem Thema weniger?

Nein.

Sie sind ein positiv denkender Mensch. Ich kann mir vorstellen, dass dies manche Menschen aufgrund Ihrer Behinderung wundert. Wie schaffen Sie es, trotz Behinderung eine positive Lebenseinstellung zu behalten?

Mein Leben kann ja nichts für meine Behinderung. Warum sollte ich es also dafür bestrafen?

Ist das Schreiben eine Art Therapie für Sie?

Nein. Schreiben ist für mich zu Beginn eines Buches Seligkeit und spätestens ab der Hälfte sehr harte Arbeit. Schließlich schreibe ich nicht für mich, sondern für meine Leser.

Ihr Buch ist offen und ehrlich, jedoch keine Anleitung, wie man seine Scham überwindet. Haben Sie dennoch ein paar Tipps für andere Menschen mit MS, die ihre Scham überwinden möchten?

Kopf hoch und nicht wegschauen. Das scheint mir doch in jedem Fall das Wichtigste: sich nicht wegzuducken, nicht kleiner zu machen als man ist – weder der eigenen Scham, noch der von anderen, noch dem eigenen Dämon zu viel Raum lassen. Und: darüber sprechen, Bilder finden, Geschichten erzählen – denn damit lässt sich die Scham in Schach halten.

Wie können Verwandte und Freunde dabei helfen?

Die tragen ihre eigene Scham, ihre eigenen Dämonen mit sich herum. Auch die gilt es, ernst zu nehmen. Meistens sind scheinbar Gesunde gegenüber Behinderten ja noch viel unsicherer als der Behinderte selbst. Man hilft sich im Idealfall gegenseitig.



Maximilian Dorner

Maximilian Dorner wurde 1972 in München geboren. Er studierte an der Bayerischen Theaterakademie und ist seit 2000 als Autor, Lektor und Regisseur tätig. 2007 erscheint sein Roman "Der erste Sommer", für den er den Bayerischen Kunstförderpreis erhielt. 2006 erhielt er die Diagnose MS. Seine Erfahrungen mit der Erkrankung verarbeitete er in seinen Büchern "Mein Dämon ist ein Stubenhocker" (2008) und "Lahme Ente in New York" (2009). Dorner ist zudem Herausgeber des Literaturblatts "Isarstrand" und hat im Sommer 2009 an der Pasinger Fabrik in München seine erste Operninszenierung präsentiert. Neu erschienen ist nun sein autobiografischer Selbstversuch "Ich schäme mich".


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