Thema des Monats
Reiten und MS
"Ich konnte früher kaum stehen."
Vera Thiessen (48 Jahre) verwirklichte erst spät einen Jugendtraum. Mit 40 Jahren lernt sie reiten und entdeckt ihre Leidenschaft für die treuen Vierbeiner. Heute reitet sie regelmäßig und profitiert auch körperlich: Ihre MS-bedingten Gleichgewichtsstörungen haben sich durch das Reiten wesentlich verbessert.
Wie sind Sie zum Reiten gekommen?
Ich liebe Pferde – schon seit Kindertagen. Ich hatte jedoch nie die Gelegenheit zum Reiten. 2002 lernte ich dann meinen jetzigen Mann kennen, der Haflinger hatte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht einmal, was ein Haflinger ist, und habe mich sofort in das Pferd verliebt. Wir sind 2003 zusammengezogen und seither reite ich. Da war ich 40 Jahre alt und das war meine erste Erfahrung mit dem Reiten. Die Stute war damals fünf Jahre alt und so haben wir uns beide praktisch gegenseitig das Reiten beigebracht. Sie war zwar schon eingeritten, jedoch nicht richtig fest unterm Sattel. Wir verstehen uns sehr gut; ich reite sie immer noch. Mein Mann reitet auch und wir haben mittlerweile vier Haflinger und ein Fohlen. Etwas ganz Besonderes sind unsere gemeinsamen Reiturlaube. Das ist natürlich sehr schön, wenn man eine Woche mit den Pferden unterwegs ist.
Der Umgang mit dem Pferd ist für meine Psyche unwahrscheinlich wichtig. Es tut mir sehr gut und auch körperlich profitiere ich davon. Meine Gleichgewichtsstörungen sind wesentlich besser geworden. Ich konnte früher kaum stehen, ohne umzukippen. Die ganze Symptomatik hat sich wesentlich gebessert. Außerdem ist an den Beinen meine Muskulatur besser aufgebaut und trainiert.
Was begeistert Sie an diesem Sport?
Ich wollte schon reiten lernen, als ich noch sehr jung war, jedoch waren meine Eltern stets dagegen. Das war für mich wirklich ein Glücksfall, dass ich doch noch die Möglichkeit bekam, reiten zu lernen. Ich hatte mich seither nicht mehr mit dem Gedanken beschäftigt und auch nicht das Bedürfnis zu reiten. Aber so ergab es sich einfach. Als ich das Pferd sah, wollte ich unbedingt mal drauf. Seitdem reiten wir regelmäßig und fahren Kutsche. Das Reiten gibt mir jedoch viel mehr, weil der Kontakt zum Pferd viel inniger ist. Man hat den direkten Kontakt zum Pferd und sieht seine Reaktionen. Ich merke es inzwischen zwei Sekunden vorher, wenn sie sich erschreckt, sodass sie zur Seite springen möchte. Dieses Miteinander ist mir sehr wichtig. Das Vertrauensverhältnis zu meiner Stute gibt mir sehr viel. Nicht jeder hat eigene Pferde, aber man kann auch zu einem Pflegepferd eine Beziehung aufbauen. Oder auch in Reitschulen oder der Reittherapie, wenn man regelmäßig dasselbe Pferd reitet.
War es schwieriger, als Erwachsene reiten zu lernen?
Ja, das war bestimmt schwieriger. Im Kindheitsalter das Reiten zu lernen, ist sicher leichter. Das werde ich nie so lernen. Ich bin Freizeitreiterin. Wir reiten überwiegend aus und genießen die Natur wie im Reiturlaub. Teilweise sitzen wir dann mit Pausen bis zu sieben oder acht Stunden auf dem Pferd. Dabei sind die Naturerlebnisse ganz wichtig. Diese Ausritte sind für mich eine Erfüllung. Und ich bin dankbar dafür, dass das Reiten bei meiner MS so geholfen hat und sich die Symptome gebessert haben.
Was würden Sie anderen MS-Betroffenen raten, die anfangen möchten zu reiten?
Jeder kann reiten lernen, aber man sollte keine Angst vor dem Pferd haben. Sie sollten aber schon einen gewissen Bezug zu Pferden haben. Wenn man den Bezug hat, aber noch nie zuvor geritten ist, ist das kein Hinderungsgrund. Anfänger werden zunächst im Schritt geführt, um die Bewegungen kennenzulernen. Denn es ist zu Anfang ein recht komisches Gefühl, wenn alles wackelt. Dann merken Sie, ob das Reiten Ihnen liegt. Die Bewegung auf dem Pferd im Schritt bringt schon ganz viel. Das ist eine unglaubliche Erfahrung, wenn man noch nie auf dem Pferd war. Ich wüsste nicht, welche Einschränkung so stark ist, dass man nicht reiten kann. Das ist beispielsweise auch im Rahmen einer Reittherapie möglich. Wenn Sie nicht selbst auf das Pferd steigen können, lassen Sie sich hochheben. Ich kenne viele MS-Betroffene, die teilweise sehr starke Einschränkungen haben und auch im Rollstuhl sitzen. Auch eingeschränktes Sehen ist kein Hinderungsgrund. Man muss sich einfach trauen und es mal versuchen. Es ist bestimmt für einige eine Überwindung, aber viele werden danach sicherlich sagen, dass sie mit dem Reiten schon früher hätten beginnen sollen.
Neuester Kommentar zu diesem Artikel
Ich mache seit 2 Jahren einmal Wöchentlich Hippotherapie, das ist eine gute Sache und kanns nur jedem für die Rumpfstabilität empfehlen. der Artikel hier im...





