Thema des Monats
Interview mit Marathonläuferin Corinna Block
"Solange ich laufe, ist die Welt in Ordnung"
Corinna Block erhielt 2010 die Diagnose MS – die begeisterte Hobby-Läuferin steckte gerade mitten im Marathontraining. In der Kurzgeschichte "Mein Leben in Bewegung" verarbeitete sie ihre Erfahrungen und gewann prompt den COPAKTIV Literaturwettbewerb. Erfahren Sie mehr über Corinna Block und ihre Laufbegeisterung im aktuellen Video auf www.aktiv-mit-ms.de. Im Interview wollten wir wissen, was der Sport für sie bedeutet.
In Ihrer Kurzgeschichte, mit der Sie den COPAKTIV Literaturwettbewerb gewonnen haben, schildern Sie, wie Sie nach der MS-Diagnose Ihr Marathontraining fortsetzen und den geplanten Marathon bewältigen. Welchen Stellenwert hat der Sport in Ihrem Leben?
Sport und insbesondere das Laufen spielen in meinem Leben eine sehr große Rolle. Beim Laufen kann ich meine Gedanken sortieren und Themen, die mich beschäftigen, besser verarbeiten. Das Laufen gibt mir ein Gefühl von Freiheit. Ich und mein Körper sind dann im Einklang miteinander. Wenn ich an Tagen, an denen ich nicht gut drauf bin, laufe, geht es mir danach um einiges besser und Probleme erscheinen mir danach auch viel problemloser als vorher. Es ist toll zu sehen, dass mein Körper trotz der MS in der Lage ist, lange Strecken zu laufen. Laufen kann ich zu jeder Tages- und Jahreszeit: Im Winter macht es Spaß, trotz Kälte zu spüren, dass der Körper mit jeder Minute wärmer wird; im Frühjahr freue ich mich, dass ich abends nicht mehr in der Dunkelheit laufe und im Sommer genieße ich es früh morgens zu laufen, wenn alle noch schlafen und der Tag viel Hitze verspricht. Solange ich laufe, ist die Welt für mich in Ordnung.
Wie war das Gefühl, als Sie bei Ihrem ersten Marathon nach der Diagnose ins Ziel kamen?
Vor meiner Diagnose bin ich auch schon Marathon gelaufen. Also wusste ich bereits, was bei einer solchen Distanz auf mich zukommt. Da ich die Diagnose mitten in der Zeit des Marathontrainings erhalten habe, war ich einige Wochen gesundheitlich außer Gefecht gesetzt. Vor dem Schub bin ich ohne Probleme beim Training 30 Kilometer gelaufen und plötzlich war selbst die Distanz von fünf Kilometern eine Qual. Aber ich wollte es schaffen, denn ich wollte auch mit MS meine Träume leben. Trotzdem wusste ich, dass ich meinem Körper beim Marathon nicht alles abverlangen durfte, denn ich hatte gelernt, dass das für mich Gefahren birgt. Also lief ich am Tag des Marathons mit dem Bewusstsein, dass ich auf meinen Körper hören musste und ich habe jede Minute dieses Laufs genossen. Mein Mann hat mich dann auf den letzten Kilometern bis zum Ziel begleitet. Ich bin sogar eine bessere Zeit gelaufen als im Jahr davor und ich war unheimlich stolz auf mich und meinen Körper. Denn ich hatte es geschafft, trotz der schlimmen Wochen, die hinter mir lagen, meine große Leidenschaft weiterzuleben! Gleichzeitig wusste ich, dass viele liebe Menschen an mich geglaubt haben und dass ich es mit ihrer Unterstützung geschafft habe, wieder selbst an mich zu glauben.
Hat sich nach der MS-Diagnose Ihr Leben verändert? Wenn ja – inwiefern?
Mit der Diagnose bin ich erstmal in ein tiefes Loch gefallen. Ich hatte natürlich viele Fragen über die MS – was ich tun darf und was mir nicht guttut. Außerdem gibt es diese Ungewissheit, weil keiner sagen kann, was noch passieren wird. Im Laufe der letzten Monate haben sich die Prioritäten in meinem Leben verschoben: Mein Privatleben, welches ich jahrelang hinter Beruf und Karriere gestellt habe, hat einen großen Stellenwert erlangt. Meine körperlichen Grenzen überschreite ich zwar manchmal immer noch, aber ich spüre schnell, wenn ich meinen Körper überfordere. Ich war immer ein Mensch, der tausend Dinge gleichzeitig macht, und Auszeiten habe ich nicht zugelassen. Es ist für mich auch heute immer noch ein großer Lernprozess, Tage, an denen ich nicht fit bin, zu akzeptieren und mir Ruhephasen zu gönnen. Ich muss lernen, dass ich auf mich achten muss, damit ich mir meine Lebensqualität so lange wie möglich erhalten kann und damit die Menschen, denen ich wichtig bin, auch noch etwas von mir haben.
Außerdem engagiere ich mich seit einigen Monaten bei der Ortsvereinigung der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft in Düsseldorf und leite dort ein Internetcafé, wo ich Seminare für MS-Betroffene veranstalte. Durch den Umgang mit Gleichgesinnten habe ich ein wenig meiner Angst verloren und es gibt mir soviel zurück, wenn ich Menschen, denen es noch schlechter geht als mir, helfen kann. Mein Leben hat heute einen ganz anderen Inhalt bekommen und ich sehe viele Dinge mit anderen Augen.
Wie wichtig ist Ihnen die Unterstützung durch Ihre Angehörigen und Freunde?
Ich bin ein ehrgeiziger Mensch und habe immer herausfordernde Ziele (Studium neben dem Job, Marathon, Karriere etc.) vor Augen gehabt, die ich erreichen wollte. Dadurch habe ich oft meine Grenzen überschritten, weil ich es von mir gewohnt war, dass ich alles alleine mache und meine Ziele eigenständig erreichen muss. Wo ich sonst Einzelkämpfer war, musste ich lernen, Hilfe und Unterstützung durch meinen Partner und meine Familie anzunehmen und zuzulassen. Anfangs fiel es mir schwer, über die MS und meine Ängste und Sorgen zu reden. Heute weiß ich, dass es Menschen gibt, die immer ein offenes Ohr für mich haben und vor denen ich mich für nichts rechtfertigen und für keine Schwäche entschuldigen muss. Ich habe aber auch erfahren müssen, dass es Personen gibt, die kein Verständnis aufbringen, weil sie entweder nicht begriffen haben, was durch diese Diagnose in mir ausgelöst wurde oder weil sie nicht nachvollziehen können, dass es einfach Tage gibt, an denen es mir nicht gut geht und ich mich dann lieber zurückziehe und auch Verabredungen absagen muss. Solche Menschen zählen heute nicht mehr zu meinem Freundeskreis, denn Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Verständnis sind für mich wesentlich geworden. Alles andere raubt mir unnötige Kraft. Aber auch diese Erkenntnis ist nicht immer leicht umzusetzen.
Was würden Sie anderen MS-Betroffenen raten, die gerne mit dem Laufen beginnen würden?
Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur sagen, dass zum Laufen ein bisschen Ehrgeiz und viel Durchhaltevermögen gehören, denn als Anfänger muss man lernen, auch mal länger durchzuhalten. Hier gibt es dann natürlich immer die Gefahr der Überforderung. Aber wenn man ein gutes Körpergefühl besitzt und rechtzeitig Warnsignale erkennen kann, dann kann ich nur jedem zum Laufen raten. Denn es ist ein tolles Gefühl zu spüren, was der Körper trotz seiner „Schwäche“ leisten kann. Und wenn man dann noch einen Menschen findet, mit dem man sogar gemeinsam laufen kann, dann ist auch die Motivation am Anfang größer. Jeder Kilometer, den man länger laufen kann als beim letzten Mal, macht als Anfänger sehr stolz. Wichtig ist, dass man regelmäßig läuft, damit sich der Körper an die Belastung gewöhnen kann. Ich finde, dass Laufen ein guter Ausgleich ist, solange man sich nicht überschätzt. Es ist einfach toll zu sehen, dass der Körper immer noch leistungsfähig ist und durch den Sport mit der Zeit sogar stärker und resistenter wird.





