01.09.2011 | Psychische Symptome bei MS

Depression und Demoralisierung

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Multiple Sklerose erstmals medizinisch beschrieben. Der Arzt Jean-Martin Charcot, der als Begründer der modernen Neurologie gilt, schilderte schon 1868 den Fall einer MS-Betroffenen, die neben anderen MS-Symptomen immer wieder depressive Phasen hatte. Doch erst in den letzten 15 bis 20 Jahren werden Depressionen bei MS erforscht.

Noch immer gibt es viele falsche Vorstellungen, wenn es um Depressionen geht. Die MS-Diagnose an sich stellt zwar eine belastende Situation dar und viele Betroffene machen gerade zu Anfang eine Zeit der Krise durch. Aber nicht jeder MS-Betroffene wird depressiv. Eine Studie hat gezeigt, dass viele Betroffene der MS auch positive Aspekte abgewinnen. In dieser US-amerikanischen Studie wurden Probanden gefragt, wie sich ihr Leben entwickelt. 60 Prozent der Betroffenen gaben an, dass die MS ihr Leben auch positiv verändert hat, gegenüber 30 Prozent, die sich entmutigt fühlten. Die Antworten bezogen sich auf soziale Beziehungen, persönliche Fähigkeiten und Lebensperspektiven. Ein Großteil der Befragten sagte z. B., dass die Familie näher zusammen gerückt ist. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass sie mehr Mitgefühl für Andere aufbringen und generell das Leben mehr zu schätzen wissen.
Depressionen sind bei MS ein Symptom und sind nur bedingt auf äußere Faktoren zurückzuführen. Das zeigt bspw. die Tatsache, dass die Schwere körperlicher Einschränkungen keinen Zusammenhang mit depressiven Zuständen bei Menschen mit MS hat.

Was ist Demoralisierung?

Der Neuropsychiater Kaplin unterscheidet Demoralisierung (Entmutigung) und Depression. Wichtig ist es, beides zu differenzieren. Gerade kurz nach der Diagnose MS fühlen sich viele Betroffene demoralisiert: Sie sind hilflos, verwirrt und haben ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Isolierung sowie ein geringes Selbstwertgefühl. Bei einer Demoralisierung helfen problembezogene Strategien, das eigene Leben und die Situation wieder beherrschbar zu machen. Ein erster Schritt kann z. B. sein, komplexe Probleme in kleinere Aspekte zu unterteilen, um diese anzugehen. Eine andere Strategie kann ein sogenannter Realitätscheck sein. Der MS-Betroffene betrachtet dabei mit Hilfe seines Therapeuten ein Problem aus einer anderen Perspektive. Das kann z. B. das Gefühl von Unzulänglichkeit sein, weil sich die Merkfähigkeit verschlechtert hat und der Betroffene nicht mehr die Telefonnummern aller Freunde im Kopf behalten kann. Viele Menschen haben nicht so eine gute Merkfähigkeit und behelfen sich mit einem Adressbuch. Unterstützung durch Angehörige oder Austausch mit anderen Betroffenen kann zudem das Gefühl der Isolation bekämpfen. Außerdem haben Wissen und Informationen über die MS einen hohen Stellenwert. Jeder kennt es, wenn eine Situation ihren Schrecken verliert, je mehr Wissen man darüber hat.

Depression ist behandelbar

Depressionen müssen grundsätzlich von Demoralisierung unterschieden werden. Sie äußern sich in einem Stimmungszustand, der nicht von außen beeinflussbar ist. Im Gehirn gibt es einen einen Teil, der die Stimmung regelt. Dieser Bereich ist bei einer Depression gestört. Es ist also ein weiteres medizinisches Symptom der MS. Häufig bleiben Depressionen bei MS unbehandelt, weil Betroffene ihren Zustand als persönliche Schwäche interpretieren. Sie sollten die Depression als das ansehen, was sie ist – ein weiteres Symptom der MS, das behandlungsbedürftig ist und auch erfolgreich behandelt werden kann. Neben einer Psychotherapie können auch Medikamente hilfreich sein.

Eingeschränkte Lebensqualität

Eine Depression wird von den Betroffenen als größter Einflussfaktor für die Lebensqualität gesehen, größer als bspw. körperliche Einschränkungen, kognitive Defizite oder Fatigue. Verschiedene Studien haben dies bestätigt. Außerdem sind soziale Beziehungen stark von einer Depression belastet – aus der Perspektive der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Depressive MS-Betroffene fehlen häufiger am Arbeitsplatz und zeigen eine verminderte Therapietreue. Außerdem können depressive Zustände die MS negativ beeinflussen. Eine Depression bedeutet chronischen Stress, was wiederum das Risiko für Schübe erhöht. Daher ist die Behandlung von Depressionen nicht nur für die Lebensqualität des Betroffenen und seiner Angehörigen wichtig, sondern auch für den Verlauf der MS.

Quellen:

  • Kaplin, Adam: Demoralization and Depression in Multiple Sclerosis and Transverse Myelitis, TMA Newsletter Vol. 8 - Issue 1, Herbst 2007, S.3 – 12
  • David Mohr et al.: Relationships Among Depressive Symptoms, Benefit-Finding, Optimism, and Positive Affect in Multiple Sclerosis Patients After Psychotherapy for Depression. Healths Psychology 2008, Vol 27, No 2, S.230 - 238
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