06.05.2013 | Sport und MS?

Immer in Bewegung bleiben!

Sport und MS? Immer in Bewegung bleiben! Bildquelle: © Kalle Kolodziej – Fotolia.com

Kann man mit Multipler Sklerose Sport treiben? Die Frage beschäftigt die meisten Betroffenen, sobald sie die Diagnose erhalten haben. Und ja: Man kann – und man sollte! Hat man früher die Betroffenen noch zu Ruhe und Schonung verdonnert, weiß man heute: Bewegung ist für Betroffene sehr wichtig und kann sogar einen positiven Einfluss auf den klinischen Verlauf der MS haben. Damit Sie ganz einfach zu Hause Ihr persönliches Training starten können, haben wir exklusiv für registrierte Mitglieder auf www.aktiv-mit-ms.de ein ganz besonderes Bewegungsprogramm entwickelt. Gemeinsam mit Experten der Klinik Wollmarshöhe und dem zweifachen Karateweltmeister Enis Imeri wurde ein Training speziell für MS-Betroffene entwickelt, welches Ihnen demnächst zur Verfügung stehen wird. 

Dr. Jürgen Mertin ist einer der Experten, die das Training entwickelt haben. Seit 1972 praktiziert er als Nervenarzt mit Schwerpunkt Neurologie und ist Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin. Schon seit Jahrzehnten ist er Mitglied im ärztlichen Beirat der DMSG. Dr. Mertin arbeitet an der Psychosomatischen Klinik Wollmarshöhe in Bodnegg bei Ravensburg, im Interview erklärt er warum Bewegung bei MS so wichtig ist.

Sport bei Multipler Sklerose, ist das in Ordnung? Welche Erkenntnisse sind heute anders?

Noch bis in die 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts hat man MS Betroffenen zu weitgehender Inaktivität geraten. Man nahm an, die körperliche Aktivität würde Krankheitsschübe auslösen und die Erkrankung dadurch schneller voranschreiten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Bewegungsmangel führte zu Komplikationen, die das Krankheitsgeschehen verstärkt  haben. Heute wissen wir, dass Aktivität den klinischen Verlauf bei MS-Betroffenen positiv beeinflussen kann. Deswegen empfehlen wir Sport im Sinne eines Bewegungstrainings und als sanftes Krafttraining. 

Welche therapeutischen Effekte hat die Bewegung auf die MS?

Bewegungs- und Krafttraining wirken positiv auf sehr viele Funktionen des zentralen Nervensystems. Jede Muskel- und Gelenkaktivität wird über entsprechende sensible Leitungen ans Gehirn gemeldet. Diese Information beeinflusst zahlreiche zentrale Schaltstellen günstig. In Bezug auf das sensomotorische System können sich Schwäche und Spastizität aber auch Sensibilitätsstörungen verbessern. Positiv werden auch das Immunsystem, die hormonelle Regulation und vor allem die Psyche beeinflusst. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Förderung der Plastizität des zentralen Nervensystems, also die Stimulierung der Neubildung von Gehirnzellen und damit auch die Möglichkeit zu reparativen Vorgängen.

Viele Betroffenen berichten über Gefühlsstörungen, wenn sie mit dem Sport anfangen. Wie ist das zu beurteilen?

Erfahrungsgemäß sind die durch Bewegungstraining und sportliche Aktivitäten hervorgerufenen Sensibilitätsstörungen vorübergehend. Bei vermehrter körperlicher Aktivität machen sich bis dahin unbemerkte, bestehende Defizite bemerkbar. Wird die sportliche Aktivität weitergeführt, verschwinden solche Einschränkungen in der Regel wieder. 

Bewegung lässt die Körpertemperatur ansteigen. Manche Patienten sind gegen diesen Anstieg der Körpertemperatur sehr empfindlich und es tritt das sogenannte Uhthoff-Phänomen auf. Mit steigender Körpertemperatur kann die Muskelschwäche etwas zunehmen. Davon sollten sich die Patienten aber nicht abschrecken lassen. Nach einer Abkühlung ist diese zusätzliche Schwäche schnell wieder verschwunden. 

Kann jeder MS Betroffene Sport machen oder gibt es je nach Symptomatik Einschränkungen, die es zu beachten gilt

Im Grunde genommen kann jeder Sport machen, wenn Bewegungstraining und leichte Sportübungen den individuellen Fähigkeiten angepasst werden. Sollten Hilfestellungen benötigt werden, kann man auch Angehörige einbeziehen, die sich beispielsweise während des Übens daneben stellen, wenn Sturzgefahr besteht. 

Welche Symptomatiken können durch spezielle Bewegungsübungen verbessert werden?

Häufig finden sich bei den MS Betroffenen spastische Lähmungen, also vermehrte Muskelspannung und Schwäche. Hier können Dehnübungen und Kraftübungen sehr wirksam sein. Vor allem ist die Belastung der Füße durch Stehen zur Bekämpfung und Senkung der Spastizität sehr wichtig. Die Reize, die von den Füßen, Fußgelenken und Beinen kommen, wirken sich positiv auf die motorische Aktivität aus. Bei Betroffenen mit starker Spastik ist ein regelmäßiges Stehtraining erforderlich. Auch Rotationsbewegungen vor allem im Beckenbereich wirken sich positiv auf die Spastizität aus. 

Welche Fragen sollten sich MS Betroffene vor dem Trainingsstart unbedingt stellen?

MS Betroffene haben selten kardiovaskuläre Einschränkungen. Von Seiten des Blutdrucks und des Herzens sind meist keine Komplikationen zu erwarten. Betroffene müssen ihre sportliche Betätigung ihrem individuellen Leistungsstand anpassen. Es gibt keinen Test, um das vorher auszuloten. Sollte etwa eine Osteoporose bestehen – was bei Betroffenen vorkommen kann, die schon öfter Cortison erhalten haben – müssen bestimmte Übungen entsprechend vorsichtig ausgeführt werden, um Stürze und Frakturen zu vermeiden. 

Welche Rolle spielt die sogenannte Borg Skala und was ist das genau?

Die Borg Skala ist eine Analogskala mit Werten von 6 bis 20, auf welcher die Betroffenen nach ihren Übungen ihren selbst geschätzten Erschöpfungsgrad eintragen. Über längere Zeit angewandt kann diese Skala zeigen, wann und wie der Erschöpfungsgrad abnimmt. Das gibt Auskunft über den in dieser Zeit erreichten Bewegungs- und Kraftzuwachs. 

Gibt es noch andere Skalen, die die Bewegungsfähigkeit definieren?

Was den motorischen Bewegungsapparat betrifft, gibt es noch die bei der MS lange bewährte Kurtzke Skala*, mit der vor allem die Bewegungsfähigkeit der Betroffen gemessen wird. Diese geht von 0 bis 10. Bei einem Wert von 6 bis 7 sind die Patienten noch zum Teil bewegungsfähig. Aber es gibt auch eine große Zahl Betroffener, die diese Werte gar nicht erst erreichen, sondern bei Punkt 4 oder 5 stehenbleiben, und die längere Strecken mit und ohne geringe Hilfe zurücklegen können.
*EDSS Skala -expanded disability status scale

Welche Erfahrungen haben Sie in der Klinik gemacht?

Längeres Gehen, Wandern, Nordic Walking, Schwimmen, dazu maßvolles Gerätetraining im Rahmen einer medizinischen Trainingstherapie erweisen sich als sehr erfolgreich. Gute Erfahrungen haben wir auch mit den sehr langsamen bewussten Bewegungen des Qi Gong gemacht. Da kommen Aspekte aus dem mentalen Training dazu, das auch im Leistungssport eine Rolle spielt. Mentales Training ist für MS Betroffene sehr wichtig, wie etwa auch im stillen Qi Gong. Mit dieser Methode können auch Betroffene mit stark eingeschränkter Bewegungsfähigkeit mental bestimmte Muskelgruppen und die Wirbelsäule stärken und bewegen. Das beeinflusst nicht nur den klinischen Verlauf, sondern auch ihre psychische Verfassung.

Steigern Sport und Bewegung die Lebensqualität von Menschen mit MS?

Ja. Gerade durch die "Wohlfühlaspekte" kann das Training den Aktionsradius des Einzelnen erweitern und damit seine Lebensqualität in sehr vielen Aspekten steigern.

Was ist das Besondere an dem neuen Bewegungstrainer?

Durch meine langjährige Erfahrung in der Zusammenarbeit mit MS-Betroffenen und die enge Kooperation mit Enis Imeri und den digitalen Experten konnten wir den maßgeschneiderten Bewegungstrainer entwickeln. Das Ergebnis lässt sich sehen: Entstanden ist ein ganz besonderes Sportprogramm für Menschen mit MS: Die Übungen werden anschaulich erklärt, sind gut durchführbar und das Sport- und Bewegungsprogramm kann je nach persönlichen Möglichkeiten ganz individuell zusammengestellt werden.

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Demnächst: Gemeinsam mit den Experten der Klinik Wollmarshöhe und dem zweifachen Karateweltmeister Enis Imeri erweitern wir das Training für Menschen mit MS. Freuen Sie sich also schon auf Ihr persönliches Training demnächst hier auf www.aktiv-mit-ms.de.


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