Wissen zum Thema MS

Diagnose

MS ist eine chronische Erkrankung mit "tausend Gesichtern". Die Diagnosestellung ist - auch auf Grund des individuell sehr unterschiedlichen Verlaufs und der Vielfalt der Symptome - nicht einfach.


 

Drei Wirbel der Wirbelsäule

Diagnoseverfahren bei MS

Die Nervenwasserentnahme (Lumbalpunktion)

Für einen gesicherten MS-Befund spielt die labortechnische  Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) eine wichtige Rolle. Dazu muss Liquor aus dem Wirbelkanal entnommen werden.

Schutzschild Liquor

Liquor ist eine in den Kammern des Gehirnes gebildete Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark innerhalb des Schädels bzw. Wirbelkanals schützend umgibt. Der Liquor ist dabei im ständigen Austausch mit der Flüssigkeit, die sich zwischen den Gehirnzellen im Gewebe befindet, und kann somit Aufschluss über krankhafte Veränderungen im Gehirngewebe geben. Dazu muss der Arzt eine kleine Menge Nervenwasser aus dem Wirbelkanal entnehmen. Dies stellt einen kleinen Routineeingriff dar, der nur wenige Minuten dauert.

Wie funktioniert eine Liquorentnahme?

Die Lumbalpunktion wird in örtlicher Betäubung und nach Desinfektion der Einstichstelle im Sitzen oder im Liegen durchgeführt. Dabei wird eine spezielle Hohlnadel etwa in Höhe des zweiten/dritten oder dritten/vierten Lendenwirbels zwischen den Wirbelkörpern bis in den Wirbelkanal, den Hohlraum, der das Nervenwasser enthält, vorgeschoben. Dann wird gewartet, bis eine ausreichende Menge (einige ml) Nervenwasser herausgetropft ist, die Nadel wieder hinausgezogen und die kleine Wunde mit einem Pflaster abgedeckt.
Da die Liquorwerte optimal nur in Zusammenhang mit den Blutwerten beurteilt werden können, wird mit dem Nervenwasser auch eine aktuelle Blutprobe ins Labor geschickt.

Ist eine Liquorentnahme gefährlich?

Eine Lumbalpunktion ist ein kleiner, harmloser und in der Regel reibungslos und schmerzarm ablaufender Eingriff. Entgegen häufiger Ängste kann es dabei praktisch nicht zu einer Verletzung des Rückenmarks kommen, da das Rückenmark beim Erwachsenen bereits oberhalb der Stelle (etwa in Höhe des ersten Lendenwirbelkörpers) endet, an der die Nadel in den Wirbelkanal eingeführt wird.

Welche Nebenwirkungen oder Folgen können auftreten?

Person stützt mit beiden Händen den RückenKein medizinischer Eingriff ist völlig frei von Risiken. Die Lumbalpunktion ist heutzutage jedoch ein risikoarmes Routineverfahren. Möglicherweise kommt es während einer Lumbalpunktion zu einem kurzen, blitzartig ins Bein einschießenden Schmerz. Dieser ist zwar unangenehm, aber harmlos und dadurch bedingt, dass die Nadelspitze Nervenfasern streift, die vom Rückenmark kommend den unteren Bereich des flüssigkeitsgefüllten Wirbelkanals durchziehen. Ein häufiges, ebenfalls harmloses Phänomen nach einer Lumbalpunktion ist das so genannte "postpunktionelle Syndrom". So bezeichnet man Kopfschmerzen im Anschluss an eine Lumbalpunktion, die meist nach einigen Stunden verschwinden oder in Einzelfällen einige Tage anhalten können. Diese Kopfschmerzen entstehen vermutlich durch den Verlust des Nervenwassers: Neben der entnommenen Menge sickert durch die kleine Verletzung auch im Anschluss an die Punktion noch ein wenig Liquor ins Gewebe nach und verursacht einen vorübergehenden "Mangel", der sich evtl. durch solche Kopfschmerzen und leichte Übelkeit bemerkbar macht. Die Flüssigkeit wird aber vom Körper rasch nachgebildet.

Um ein postpunktionelles Syndrom zu vermeiden, ist es wichtig, dass Sie nach der Punktion für einige Stunden ruhig und möglichst flach auf dem Rücken liegen bleiben und ausreichend trinken. Erfolgt die Liquorentnahme im Krankenhaus, wird Ihr Arzt Ihnen vielleicht auch eine Infusion verordnen. Sollten trotzdem Kopfschmerzen auftreten, sprechen diese in der Regel gut auf die gängigen Schmerzmittel an.

Was muss der Arzt vorher wissen?

Um sicherzugehen, dass die Liquorentnahme reibungslos und ohne Probleme für den Betroffenen abläuft, wird der Arzt zuvor einige Fragen an ihn haben. Wenn die Punktion für den Betroffenen nicht die erste ist, wird ihn interessieren, ob es bei der vorangegangenen irgendwelche Besonderheiten gegeben hat.

Wichtig ist des Weiteren die Medikation, die ein Betroffener erhält. Der Arzt muss wissen, ob blutverdünnende Medikamente eingenommen werden oder ob der Betroffene eine Wirbelsäulenverletzung oder -operation hinter sich hat, deren Folgezustände durch Verwachsungen und Vernarbungen das Einführen der Nadel erschweren oder sogar unmöglich machen können. Auch ausgeprägte degenerative Wirbelsäulenveränderungen ("Verschleißerscheinungen") können Schwierigkeiten beim Einführen der Nadel bereiten, so dass evtl. eine Punktion unter Röntgenkontrolle erfolgen oder sogar gänzlich darauf verzichtet werden muss. Ebenfalls wichtig zu wissen sind mögliche Hirntumoren oder andere Umstände, die mit einem erhöhten Hirndruck einhergehen, oder sonstige abgelaufene Erkrankungen des Gehirns.

Was wird genau untersucht?

Ebenso wie im Blut bestimmte Blutwerte bei Erkrankungen der inneren Organe verändert sein können, lassen sich bei Erkrankungen des Gehirns auch Veränderungen im Liquor feststellen. So findet sich bei ca. 90 Prozent der MS-Betroffenen ein ganz bestimmtes Muster an Antikörpern und Eiweißen. Der Arzt bezeichnet das Auftreten von einem bestimmten Antikörpermuster, das sich nur im Liquor und nicht im Blut zeigt, als "oligoklonale Banden". Neben den Eiweißen als Entzündungsindikator können auch Zellen des Immunsystems in leicht erhöhter Zahl bei MS auftreten.

Die Entnahme von Nervenwasser (Liquor) ist ein Eingriff zur MS-Diagnose. Möglicherweise können einige Nebenwirkungen auftreten. Es besteht jedoch nicht das Risiko einer Verletzung des Rückenmarks.


Quelle:
mod. nach Compston A. et al., Lancet 2002; 359: 1221-1231




 

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