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Was ist die MS-Erkrankung?

Multiple Sklerose wird oft als „duale Erkrankung“ bezeichnet. Doch was bedeutet das und was ist MS überhaupt?

Multiple Sklerose ist eine entzündliche und degenerative – das heißt mit einem Zellverlust einhergehende – Erkrankung des Nervensystems. Durch eine Fehlfunktion des ImmunsystemDas Immunsystem ist ein komplexes System von Zellen und Zellfunktionen in einem Lebewesen. Es dient der Abwehr von fremden Substanzen und Krankheitserregern. greifen körpereigene Zellen das sogenannte MyelinAls Myelin bezeichnet man die Hüll- und Isoliersubstanz der Nervenfasern, die aus Lipiden und ProteineEiweiße besteht. Sie umgibt Nervenzellkörper und Axone und fördert die schnellere Weiterleitung einer Information. Im Zentralen Nervensystem wird es von OligodendrozytenGliazellen im ZNSZentralnervensystem, die Myelin im zentralen Nervensystem bilden., im peripheren Nervensystem von den Schwann-Zellen gebildet. und/oder Zellen im zentralen Nervensystem (= Gehirn und Rückenmark) an.

Wahrscheinlich war die MS bereits im Mittelalter verbreitet, exakte Belege gibt es hierfür allerdings nicht. Die offizielle Geschichte der Multiplen Sklerose begann erst im 19. Jahrhundert, als Forscher anfingen die Symptome zu untersuchen.

Auch heute sind Ursachen und Auslöser nicht vollständig geklärt. Diskutiert werden vor allem die Einflüsse von Umweltfaktoren oder genetischen Aspekten. Zahlreiche Studien untersuchten die Frage nach der Vererbbarkeit von MS. Bisher konnten die Wissenschaftler allerdings kein „MS-Gen“ finden.

Weiter fortgeschritten ist die Erforschung von wirksamen Medikamenten. In einem langwierigen Prozess der Arzneimittelentwicklung haben sich hauptsächlich zwei Wirkstoffklassen zur Behandlung von MS hervorgetan: Glatirameractat und Interferon. Belegt wurde ihre Wirkung in unterschiedlichen klinischen Studien. Weitere Hintergrundinformationen über die Geschichte klinischer Studien erhalten Sie im verlinkten Artikel.

Ebenfalls gut erforscht ist der Verlauf von Multipler Sklerose: Verschlechtern sich die Symptome plötzlich, sprechen Experten von einem Schub. SchübeEin Schub bei MS bedeutet, dass neue Symptome oder Beschwerden auftreten oder sich schon bestehende Krankheitszeichen verschlimmern. Dies ist Ausdruck einer erneuten Entzündungsaktivität im Gehirn. können durch eine immunmodulierende Langzeittherapie nicht immer verhindert werden. Erkennen Betroffene den Schub jedoch rechtzeitig, ist eine Akutbehandlung möglich.

Multiple Sklerose stellt Betroffene im Alltag vor neue Herausforderungen. Bis man für sich selbst den richtigen Umgang mit der MS gefunden hat, dauert es seine Zeit. Besonders für Kinder und Jugendliche, die noch Entwicklungsphasen durchmachen, ist dieser Prozess nicht immer leicht. Einige nützliche Tipps helfen jedoch dabei zusätzliche Belastungen zu vermeiden.

Der Verlauf und die Behandlung von MS sind bereits gut erforscht. Es gibt zahlreiche Therapiemöglichkeiten, die ihr Fortschreiten erheblich eindämmen können. Viele offene Fragen gibt es noch bei der Entstehung. Wissenschaftler versuchen sich diesen Ungewissheiten über diverse Forschungsansätze zu nähern. Sie untersuchen zum Beispiel auch den Zusammenhang von Musik und Hirnforschung.

Um die Multiple Sklerose ranken sich zahlreiche Gerüchte: Sport ist verboten, man sitzt im Rollstuhl, MS geht mit Muskelschwund einher. Doch was stimmt wirklich? Unsere Irrtümer rund um Multiple Sklerose klären auf.

 

Die Geschichte der Multiplen Sklerose: Vom Mittelalter bis heute

Die MS ist erst seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Symptome, die aus heutiger Sicht für eine MS sprechen, konnten in früheren Jahrhunderten nicht entsprechend gedeutet werden. Im 20. Jahrhundert brachten dann die moderne Diagnostik und die Entwicklung neuer Medikamente große Fortschritte in der Behandlung der Multiplen Sklerose.

19. Jahrhundert – Erste Erforschung der MSSchon im Mittelalter litten Menschen unter MS, so die Meinung heutiger Wissenschaftler. Der Holländer Jan van Beieren beschrieb zum Beispiel im Jahr 1421 bei der Nonne Lydwina von Schiedam Symptome, die für MS typisch sind. Die wesentlichen Fortschritte in der Beschreibung und Eingrenzung der MS wurden allerdings im 19. Jahrhundert erzielt. Zu dieser Zeit begannen mehrere Wissenschaftler mit der Erforschung. Heute gilt der Pariser Neurologe Jean-Martin Charcot als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in der MS-Forschung. Durch die exakten und umfassenden Beschreibungen seiner Erkenntnisse brachte er das Wissen um die MS entscheidend voran. So verfasste er im Jahr 1868 die erste komplette Abhandlung über Multiple Sklerose und stellte einen Zusammenhang mit den Pathologiebefunden her. Er verwendete auch erstmals den Ausdruck "Sclerose en plaques".

Charcots Erkenntnisse finden sich noch heute im klinischen Sprachgebrauch, beispielsweise als "Charcot-TriasAls Charcot-Trias bezeichnet man die Kombination der drei Symptome NystagmusAugenzittern (rhythmisches Augenzucken), IntentionstremorZittern der Hände, das bei Annäherung an ein bestimmtes Ziel beginnt oder zunimmt. (bei Annäherung an das Bewegungsziel erfolgendes Zittern der Hände) sowie skandierende (abgehackte) Sprache. Diese häufig bei einer MS vorhandene Kombination wurde nach dem großen französischen Neurologen Jean-Martin Charcot benannt, der die MS erstmals beschrieb.", der Kombination von Nystagmus (= rhythmisches Augenzittern), Intentionstremor (= Händezittern bei Bewegungen) und skandierender (abgehackter) Sprache als diagnostische Hinweise auf eine MS.

20. Jahrhundert – Durchbruch in der MS-Forschung

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren viele Aspekte der MS bereits bekannt. Es fehlte jedoch noch eine systematische Ordnung der Erkenntnisse. Diese Aufgabe übernahm Walter Russell Brain. Im Jahr 1930 ordnete er die bisherigen Hypothesen zu Ursachen, Pathologie sowie Auftreten und Verlauf der MS und veröffentlichte seine erste größere Abhandlung zur "disseminierten Sklerose". Kontinuierlich fasste Brain bis zu seinem Tod im Jahr 1966 den erweiterten Wissensstand zusammen und veröffentlichte diesen in jeweils aktualisierten Auflagen seines Lehrbuchs "Diseases of the Nervous System" (Krankheiten des Nervensystems).

Im Jahr 1944 erkannte der Harvard-Professor Derek Denny-Brown, welche neuronalen Strukturen für die neurologischen Ausfälle bei der MS verantwortlich sind. In Experimenten konnte er zeigen, dass eine beschädigte Nervenfaser den elektrischen Impuls nicht mehr an den entsprechenden Muskel weiterleitet. Daraus ließ sich ableiten, dass die DemyelinisierungUnter Demyelinisierung versteht man die Schädigung sowie den Verlust von Myelin (= Substanz, die Axone und Nervenzellkörper schützt und isoliert). eines Nervs für die Leitungsblockade verantwortlich ist. Unter Demyelinisierung versteht man die Schädigung sowie den Verlust von "Myelin" (Substanz, die "AxonAxone sind Fortsätze von Nervenzellen. Sie stellen die Verbindung zwischen den Nervenzellen und den ihnen nachgeschalteten Erfolgszellen, z.B. Muskelzellen, her und dienen der Kommunikation im Nervensystem. Axone werden von Hüllzellen umgeben. Diese bilden Myelin und überziehen die Axone mit einer weißlichen MyelinscheideNervenfaserhülle, die das Axon umgibt und aus Myelin gebildet wird. (Markscheide). Die Myelinscheide schützt die Axone und beschleunigt die Leitung der Nervenimpulse." und "Nervenzellkörper" schützt und isoliert).

Moderne MS-Diagnostik

In den folgenden Jahren konnten auch in der MS-Diagnostik bedeutende Fortschritte erzielt werden. So wurden in den 60er- und 70er Jahren spezielle Liquortests entwickelt: Bei der Gel-Elektrophorese wandern die auf ein aktives Immunsystem hinweisenden Immunglobuline (AntikörperAntikörper werden von so genannten B-Lymphozyten gebildet. Sie bilden mit einem Antigen, für das sie spezifisch sind, einen so genannten Antigen-Antikörper-Komplex. Durch diese Komplexierung werden verschiedene Abwehrmechanismen aktiviert.) in Abhängigkeit von ihrer elektrischen Ladung oder Größe in einem elektrischen Feld unterschiedlich schnell bzw. weit. So findet man bei aktiven Immunprozessen charakteristische Muster (oligoklonale Banden).Ebenfalls in den 70er Jahren hielt die ComputertomographieDie Computertomographie ist ein Bild gebendes Verfahren, bei dem der Körper mit Röntgenstrahlen durchstrahlt wird. Die Bildergebnisse werden mittels eines Computers analysiert und können in Schichten oder räumlich dargestellt werden. Da das Gerät mit einer schnell rotierenden Röntgenröhre, bei der die Messwinkel veränderbar sind, arbeitet, kann aus der Summe der Einzelbilder ein Gesamtbild zusammengefügt werden. (CT) Einzug in die MS-Diagnostik und die Verlaufsbeurteilung. 1972 führten Halliday und Mitarbeiter die elektrophysiologische Methode der visuell evozierten Potenziale (VEP) zur nicht-invasiven Untersuchung des Sehnervs und der Sehbahn sowie zur nichtinvasiven diagnostischen Untersuchung ein. Ein echter Durchbruch gelang 1981 durch die Arbeit von Ian Young und dem Einsatz der KernspintomographieDie Kernspintomographie (= Magnetresonanztomographie, MRT) ist ein Bild gebendes Diagnoseverfahren, das durch die Einbringung des Betroffenen in Magnetfelder verschiedene Strukturen des Körpers sehr konstrastintensiv und differenziert darstellen kann. Die Methode macht sich den unterschiedlichen Wassergehalt der verschiedenen Gewebe zu Nutze. Durch die MRT ist der Betroffene keiner Strahlenbelastung ausgesetzt. (MRT). Mit Hilfe der deutlichen Darstellung von MS-Herden auf hochauflösenden Aufnahmen wurde die Diagnostik früher MS-Stadien verbessert und eine exaktere Verlaufsbeurteilung möglich.

Einführung der Basistherapie

Die 90er Jahre brachten mit der Einführung neuer Medikamente Fortschritte in der Therapie der MS. Erstmals wurden 1993 in den USA Beta-InterferoneInterferone sind Botenstoffe, die von körpereigenen Zellen gebildet werden und in die Regulation von Abwehrvorgängen eingreifen. Bei der Multiplen Sklerose werden gentechnisch hergestellte Interferone als sogenannte Immunmodulatoren eingesetzt. für die MS-Therapie zugelassen, in Deutschland erfolgte die Einführung 1995. Drei Jahre nach Zulassung des ersten Interferons erhielt GlatirameracetatSubstanz, die zur immunmodulierenden Dauertherapie bei Multipler Sklerose eingesetzt wird und Ähnlichkeit mit einem Bestandteil der Myelinscheide hat. ebenfalls die Zulassung zur Behandlung von MS in den USA und im Jahre 2001 auch in Europa.Um den neuen medikamentösen Entwicklungen Rechnung zu tragen, gab die mit Experten besetzte "Multiple Sklerose Therapie Konsensus Gruppe" (MSTKG) 1999 erstmals Therapieempfehlungen für die deutschsprachigen Länder heraus. Sie erlauben u. a. anhand eines Eskalationsschemas ein hierarchisch geordnetes therapeutisches Vorgehen. Es folgten regelmäßige Aktualisierungen, zuletzt im Jahre 2006. Die McDonald-KriterienEine internationale Expertengruppe um Ian McDonald erarbeitete 2001 ein neues Schema zur Diagnose der MS. Gestützt auf den objektiven Nachweis einer räumlichen und zeitlichen Ausbreitung (Dissemination) nach klinischen und MRT-Befunden sollen die sogenannten McDonald-Kriterien die Zuverlässigkeit der MS-Diagnose erhöhen. Sie gestatten unter Berücksichtigung von Labor- und MRT-Befunden die MS-Diagnose bereits nach dem ersten klinischen Schub und eröffnen so die Möglichkeiten eines noch früheren Therapiebeginns. 2010 wurden die McDonald-Kriterien zum zweiten mal nachgebessert. Seit dem gelten sie als Standard bei der Diagnosestellung. Das wichtigste Kriterium ist der Nachweis einer räumlichen und zeitlichen Verbreitung von Entzündungsherden.

21. Jahrhundert – Aufbruch in eine aktive Zukunft

Intensive Forschungsbemühungen in den letzten Jahren liefern immer mehr Erkenntnisse, z.B. über die den MS-Prozessen zugrunde liegenden Mechanismen. So wurde herausgefunden, dass es bei der MS nicht nur zu einem Verlust der Myelinscheiden allein kommt. Über Jahre schreiten außerdem Schädigungen oder sogar Verluste der Nervenfasern (Axone) schleichend fort – auch während der schubfreien Zeiten. Sichtbar werden diese Axonschäden erst, wenn bleibende körperliche oder geistige Behinderungen mit entsprechenden Beeinträchtigungen der Lebensqualität entstanden sind.

Glatirameracetat und die Beta-Interferone werden nach wie vor erfolgreich zur Basistherapie der schubförmig verlaufenden MS-Therapie eingesetzt. Durch Maßnahmen, wie die Verabreichung mit Fertigspritzen, Autoinjektoren etc. soll die Verträglichkeit und der Behandlungskomfort für den Betroffenen verbessert werden. Die subjektive Lebensqualität der Menschen mit MS rückt immer mehr in den Mittelpunkt des ärztlichen Interesses, und auch den kognitiven Beeinträchtigungen der Betroffenen wird vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Vererbung oder Umwelteinfluss: Welche Rolle spielen die Gene?

Insbesondere wenn das Thema Familienplanung aufkommt, stellen sich viele Menschen mit MS die Frage: Ist Multiple Sklerose vererbbar? Ein spezielles MS-Gen konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Es gibt jedoch gewisse genetische Prädispositionen (vererbbare Faktoren), die die Ausbildung einer Multiplen Sklerose begünstigen. Wissenschaftler vermuten ein Zusammenwirken von Umwelteinflüssen und genetischer Veranlagung.

Vererbung und MS

Wissenschaftler sehen die Ursache der MS üblicherweise in Umwelteinflüssen. Allerdings wurde in Zwillingsstudien und Untersuchungen zur familiären Vererbung der MS auch ein genetischer Hintergrund dokumentiert. So hat der eineiige Zwilling eines MS-Betroffenen, der dieselben Gene wie sein Geschwisterteil besitzt, ein etwa 30-prozentiges Risiko, ebenfalls von einer MS betroffen zu sein. Das Risiko eines Kindes von Multiple Sklerose Betroffenen, im Laufe seines Lebens selbst betroffen zu sein, ist mit etwa 3 Prozent gegenüber dem der Gesamtbevölkerung rund 30-fach erhöht. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass eine 97 prozentige Chance besteht, keine MS zu bekommen.

Forscher gehen aufgrund der Fülle der bekannten Daten von einer größeren Anzahl beteiligter Gene aus, also von einer sogenannten polygenen Veranlagung. Allerdings ist dies letztendlich nicht bewiesen. Als gesichert gilt, dass bestimmte Gentypen in einem Bereich unseres Erbguts, der sogenannten HLA-Region, eng mit dem Multiple Sklerose Risiko verknüpft sind. Dies erstaunt nicht, denn immerhin handelt es sich um einen Bereich des Erbguts, der mit vielen verschiedenen Erkrankungen assoziiert ist und eng mit dem Immunsystem zusammenhängt.

Geschlechterverteilung und Häufigkeit von MS

Doppelt so viele Frauen wie Männer erhalten eine MS-Diagnose. Auch diese Tatsache spricht für einen erblichen Faktor der Ursachen. Man geht davon aus, dass eine spezielle Genvariante in der HLA-Region bei Frauen einfach öfter vorkommt als bei Männern. Während des vergangenen Jahrhunderts hat die MS-Häufigkeit innerhalb der Bevölkerung jedoch deutlich zugenommen. In einer so kurzen Zeitspanne können sich genetische Risikofaktoren unmöglich verändert haben. Diese Beobachtung und die auffällige Häufung in bestimmten Regionen der Erde nähren Hypothesen wie die Beteiligung von Vitamin D oder bestimmter Krankheitserreger an der Entstehung der Multiplen Sklerose. Wie zahlreiche Studien feststellten, ist das MS-Risiko einer Bevölkerung niedriger je näher das Land am Äquator liegt.

Zusammenhang zu anderen Autoimmunkrankheiten und Allergien

In mehreren Studien wurde ein Zusammenhang zwischen MS und dem Auftreten anderer Autoimmunkrankheiten und Allergien untersucht. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Multiple Sklerose durchaus in Verbindung mit anderen Autoimmunkrankheiten auftritt. Dabei wurden die Gemeinsamkeiten von SLE-, Typ 1 Diabetes-, Rheumatoider Arthritis- und MS-Betroffenen in Bezug auf die Aktivierung bestimmter Gene (Genexpressionsmuster) untersucht. Außerdem analysierte man die Gene von Verwandten ersten Grades, die nicht von einer AutoimmunerkrankungEine Autoimmunerkrankung ist ein Prozess, bei dem sich Immunzellen gegen körpereigene Strukturen richten und diese zerstören. Neben der Multiplen Sklerose zählt auch die Rheumatoide Arthritis zu derartigen Autoimmunerkrankungen. betroffen sind. Die Ergebnisse belegen eine genetisch bedingte Anfälligkeit für Autoimmunerkrankungen.

Dennoch spielen auch hier Umweltfaktoren eine wichtige Rolle. So gibt es einen erwiesenen Zusammenhang zwischen einer Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus und der Erkrankung an SLE. Ebenso konnten Studien belegen, dass sich die Einnahme von Vitamin D auf das Risiko von MS, Rheuma und Typ 1 Diabetes auswirkt.

Ein Zusammenhang zwischen MS und allergischen Störungen konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Die Studien ergaben keine konkrete Verbindung zwischen dem Multiple Sklerose Risiko und einer Vorgeschichte hinsichtlich Allergien. Trotzdem sollte man die Verwandtschaft der Krankheitsmechanismen nicht vergessen. Immerhin beruhen Allergien und Multiple Sklerose zumindest teilweise auf einer gestörten Immuntoleranz: Das Immunsystem "reagiert über" oder kann "Freund und Feind" nicht mehr unterscheiden. Auch wenn Autoimmunerkrankungen und Allergien bisher zwei eher unterschiedlichen Zweigen des Immunsystems zugeschrieben werden, könnten bei beiden ähnliche Vorgänge im Immunsystem ablaufen. Ein Bindeglied zwischen Allergie- und Autoimmunprozessen sind vermutlich die sogenannten Mastzellen, die direkt durch die T-Zellen des Immunsystems aktiviert werden und dann eine spezifische Entzündungsreaktion auslösen.

Fazit

Die genetische Prädisposition bei MS zeigt sich an der familiären Häufung der Multiplen Sklerose. Auch wenn klar ist, dass Umweltfaktoren eine entscheidende Rolle spielen, so ist das verstärkte Auftreten von MS bei nahen Verwandten wahrscheinlich auch auf die gemeinsamen Gene zurückzuführen.

Diese komplexen Zusammenhänge zeigen, dass noch viele weitere Untersuchungen notwendig sind, um die Auslöser der MS und anderer Autoimmunerkrankungen besser zu verstehen. Deutlich wird aber, dass gerade bei Erkrankungen des Immunsystems genetische Mechanismen und Umweltfaktoren in einer sehr komplizierten Art zusammenwirken. Dabei sollte man nie vergessen, dass jeder Multiple Sklerose Betroffene seine eigene Geschichte und Symptomatik hat und systematische Untersuchungen immer nur ein sehr allgemeines Bild widerspiegeln.

Quellen

•    Oksenberg JR, Baranzini SE, Sawcer S, Hauser SL. The genetics of multiple sclerosis: SNPs to pathways to pathogenesis. Nat Rev Genet, 2008 9: 516-526.

•    Alonso A, Hernán MA, Ascherio A. Allergy, family history of autoimmune diseases, and the risk of multiple sclerosis. Acta Neurol Scand 2008, 117:15-20.
•    Robbie-Ryan M, Brown M. The role of mast cells in allergy and autoimmunity.
•    Curr Opin Immunol 2002, 14: 728-733.

 

Arzneimittelentwicklung

Die Entwicklung von Arzneimitteln durchläuft verschiedene Phasen. Hierbei unterscheidet man zunächst zwischen präklinische von klinischen Untersuchungen. In der Regel dauert die präklinische Prüfung im Reagenzglas und im Tierversuch etwa ein Jahrzehnt und beginnt normalerweise mit einem sogenannten Screening-Verfahren.

Wirkstoffe aus der Natur

Der Volksmund sagt: "Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen". Allerdings muss dieses in vielen Fällen erst einmal gefunden werden. Der erste Schritt auf dem Weg zu neuen Therapien ist die Entdeckung von chemischen Wirkstoffen, die im menschlichen Organismus einen spezifischen Effekt ausüben könnten. Viele dieser Wirkstoffe kommen tatsächlich aus der Natur. Durch die genaue Untersuchung althergebrachter Naturheilverfahren, die Erforschung von Tiergiften oder Inhaltsstoffen von Pflanzen, Pilzen oder Mikroorganismen wurde bereits eine Vielzahl von Arzneimitteln entdeckt. Weidenrinde enthält beispielsweise Salicylsäure (Vorstufe zu Acetylsalicylsäure) und Botulinumtoxin ist ein Bakteriengift.

Das Reservoir neuer Substanzen in der Natur ist riesig, aber wie kommt man darauf, einen Wirkstoff für medizinische Zwecke zu nutzen? Einen wichtigen Hinweis liefert die Nutzung bestimmter Stoffe in der Naturmedizin. Ein in der Naturmedizin für Wundverbände genutzter Pflanzenextrakt kann im Labor beispielsweise auf seine antibiotische, entzündungshemmende, heilungsfördernde oder andere Wirkungen untersucht werden. Anschließend wird der eigentliche Wirkstoff isoliert und chemisch nachgebildet.

Genauso kann die Funktion von Stoffen in der Natur Hinweise geben: Gerade Gifte –beispielsweise von Schlangen oder Spinnen – entfalten ihre gefährliche Wirkung durch sehr spezifische biochemische Reaktionen. Der gezielte Einsatz winziger Mengen solcher Stoffe kann aber möglicherweise eine ganz andere Wirkung erzielen. Sicherlich ist Atropin, einem Giftstoff der Tollkirsche, bekannt. Diesen setzten bereits Frauen in der Renaissance ein, um ihre Pupillen zu erweitern – ein Schönheitsideal dieser Zeit. Heute wird der Wirkstoff unter anderem in der Augenheilkunde und bei Störungen des Magen-Darm-Traktes eingesetzt.

Wichtig für die gezielte pharmazeutische Entwicklung ist, dass die Forscher bereits Hinweise auf die Wirkungen bestimmter Substanzen haben und im Labor in der Lage sind, eine große Anzahl von Stoffen in kurzer Zeit und mit relativ geringem Aufwand auf bestimmte biochemische Wirkungen hin zu testen. So können mit modernen Verfahren sogenannte Substanzbibliotheken mit Tausenden, Hunderttausenden oder gar Millionen von Einzelsubstanzen untersucht werden ("high throughput screening").

Allerdings bedeutet dies noch lange nicht, dass diese Substanz jemals im Tierversuch getestet werden wird. Zunächst erfolgt eine Vielzahl weiterer Test zu den physikalischen, chemischen und toxikologischen Eigenschaften. Man versucht, den Wirkmechanismus zu klären und im Tierversuch Aussagen über die Dosierung und Verträglichkeit zu machen. Erst wenn die präklinische Phase die gewünschten Ergebnisse liefert, wird das Präparat am Menschen eingesetzt.

Chemisches Wirkstoffdesign

Kommen alle diese Wirkstoffe aus der Natur? Nein, die moderne Chemie ist heute in der Lage, Tausende nah verwandter Substanzen in verhältnismäßig wenigen Schritten herzustellen, zu reinigen und einem schnellen Testverfahren zuzuführen. Als Vorbild für diese neuen Substanzen fungieren nach wie vor Naturstoffe, aber auch vollkommen neue Substanzen. Man geht dabei von einer "Leitsubstanz" aus, die in einem biochemischen Testsystem eine Wirkung zeigte, und verändert diese chemisch so, dass man eine Vielzahl ähnlicher Substanzen erhält. Diese werden dann erneut auf ihre Wirkung getestet.

Biotechnologie

Die modernen Biowissenschaften machen rasende Fortschritte und liefern ständig neue Einsichten zu Krankheitsmechanismen und normalen Funktionen unseres Organismus. Dadurch werden laufend neue Vorgänge in unserem Körper auf der Ebene einzelner Zellen oder gar Moleküle entdeckt. Mit neuen Methoden, wie der funktionalen Genomik und Proteomik, versucht man systematisch, die Funktionen aller Gene und Proteine im menschlichen Organismus und deren Beteiligung an bestimmten Prozessen zu ermitteln. Diese Ansätze leisten einen wertvollen Beitrag bei der Ermittlung potenzieller therapeutischer Ziele. Mehr und mehr fließen die in die pharmazeutische Medizin mit ein.

Mittlerweile sind eine Mehrzahl der Wirkstoff-Neuentwicklungen sogenannte "Biologics". Dies sind, vereinfacht gesagt, bio- oder gentechnisch hergestellte Wirkstoffe, die direkt aus der biotechnologischen Grundlagenforschung abgeleitet werden. Diese Biologics greifen durch die Beeinflussung von Regulationsmechanismen im Körper sehr gezielt in Krankheitsprozesse ein.

Viele Wirkstoffe der modernen Medizin haben ihren Ursprung in der Natur. Im Labor werden sie analysiert und chemisch nachgebaut. Allerdings ist es der modernen Chemie auch möglich, neue Substanzen herzustellen.

Quellen:

•    Oliver Kayser. Grundwissen Pharmazeutische Biotechnologie.
Vieweg+Teubner; Auflage: 1 (Januar 2002)
•    William J. Thieman, Michael A. Palladino. Biotechnologie. Pearson Studium, März 2007.

 

 

Klinische Studien – ein komplexes Feld

Bis ein neuer Wirkstoff gefunden wird, dauert es einige Zeit. Anschließend durchläuft das Präparat dann verschiedene Phasen der Arzneimittelprüfung. Darunter fallen auch klinische Studien.

"Eine klinische Studie vergleicht prospektiv die Wirkung und den Wert einer (oder mehrerer) Intervention(-en) gegen eine Kontrolle an Menschen" – so eine Definition klinischer Studien. Mit einer prospektiven Studie wird also eine zuvor gestellte Annahme überprüft. Es wird zum Beispiel getestet, ob ein Medikament wirksam ist. Aber auch Diagnoseverfahren, nichtmedikamentöse Therapieansätze oder prophylaktische Verfahren prüft man in klinischen Studien. Beispiele sind Psychotherapien, chirurgische Eingriffe oder das Messen von Blutzuckerwerten während einer Insulintherapie.

Für die Einführung neuer Medikamente und für Therapie-Optimierungsstudien gelten strenge gesetzliche Regeln: Neben der wissenschaftlichen Qualität wird insbesondere die ethische Qualität der Studien beurteilt. Die den meisten deutschen Studien zugrundeliegenden Kriterien sind in der Deklaration von Helsinki des Weltärztebundes, dem Arzneimittelgesetz, dem Datenschutzgesetz und der ICH-Richtlinie zur Good Clinical Practice niedergeschrieben.

Natürlich gibt es eine ganze Reihe weiterer medizinischer Studien, bei denen es nicht um Neuentwicklungen geht, wie beispielsweise epidemiologische Studien oder Bioäquivalenzstudien bei der Einführung von Nachahmepräparaten (Generika).

Ablauf klinischer Studien

Wie verläuft nun eine klinische Studie und welches sind die entscheidenden Schritte? Klinische Studien werden in der Regel prospektiv, also vorausschauend durchgeführt. Das bedeutet, dass alle Schritte, einschließlich der Auswertungszeitpunkte, Patientenprofile (sogenannte Einschlusskriterien), aller diagnostischer und therapeutischer Vorgehensweisen etc. vorher in einem Studienprotokoll, festgelegt werden.

Eine Auswertung von Beobachtungen nach Ablauf der Studie, die nicht im Studienprotokoll vorgesehen war, bezeichnet man als retrospektiv (Fall-Kontroll-Studien sind retrospektive klinische Beobachtungen von Stichproben). Diese Daten müssen dann in einer weiteren prospektiven Studie untersucht werden, damit sie für Zulassungen und Behandlungsempfehlungen angenommen werden können. So können beispielsweise MRT-Bilder nicht nachträglich in die Auswertung einer Studie integriert werden, wenn dies nicht vorher als Auswahlkriterium definiert wurde. Klinische Ereignisse werden im Studienprotokoll vorab als sogenannte Endpunkte der Studie definiert. Anhand dieser Endpunkte, wie z. B. die Überlebensrate oder das Risiko eines Rückfalls, kann festgestellt werden, ob die angewandten Maßnahmen erfolgreich waren. Je nach Wichtigkeit und Erwartung der Ergebnisse unterscheidet man primäre und sekundäre Endpunkte.

Forscher führen klinische Studien kontrolliert durch, das bedeutet, dass sie die Wirkung des neuen Wirkstoffs mit einer Scheintherapie (Plazebo) oder möglicherweise auch mit einer etablierten und wirksamen Standardtherapie vergleichen. Die wissenschaftlich hochwertigsten Studien werden dabei doppelt blind durchgeführt, das bedeutet, dass weder Arzt noch Patient wissen, welche Therapie sie verabreichen bzw. erhalten.

Die Planung des Studienprotokolls ermöglicht nun eine zufällige Zuordnung aller Patienten zu einer Behandlungsgruppe (Plazebo oder Wirkstoff). Dieser Vorgang nennt sich Randomisierung. Nur so ist es sehr wahrscheinlich, dass die Patientenprofile in den Behandlungsgruppen im Mittel weitestgehend identisch sind. Die Patientenprofile werden als Baseline-Charakteristika bezeichnet. Diese werden zuvor bestimmt, je nachdem, was in der Studie untersucht werden soll, bspw. das Alter bzw. Altersspektrum, Geschlecht, zusätzliche Erkrankungen, Erkrankungsdauer und Medikamente, die neben der Studienmedikation eingenommen werden. Das ist wichtig, damit später in allen Behandlungsgruppen die Patienten im Durchschnitt die gleichen Profile aufweisen. Bestehen schon Unterschiede in den Baseline-Charakteristika zwischen den Behandlungsgruppen, dann könnten Unterschiede in der Wirksamkeit darauf – und nicht auf den untersuchten Wirkstoff – zurückzuführen sein

Studienauswertung

Die Auswertung, erfolgt mithilfe von statistischen Verfahren. Voraussetzung dafür ist, dass beide Behandlungsgruppen eine möglichst ähnliche Zusammensetzung von Patienten und Patientenprofilen enthalten.

Dadurch erhält man – statistisch gesehen – eine große Sicherheit und signifikante Ergebnisse. Vereinfacht bedeutet Signifikanz, dass mit einer hohen Wahrscheinlichkeit (meist als 95%ig angegeben) das beobachtete Ereignis (z. B. Therapieerfolg = erreichter Endpunkt) nicht zufällig ist und damit wahrscheinlich der Behandlung zuzuschreiben ist. Man kann mit einem Signifikanztest eine Irrtumswahrscheinlichkeit (meist 5 %) berechnen, einen Irrtum aber nie komplett ausschließen.

Demnach können auch statistisch signifikante Beobachtungen zufällig sein und gar nicht auf die Behandlung zurückgehen. Stellt sich bei der statistischen Auswertung heraus, dass die Ergebnisse statistisch nicht signifikant sind, heißt das nicht unbedingt, dass der untersuchte Wirkstoff keine Wirksamkeit besitzt. Unzulänglichkeiten im Studienprotokoll, beispielsweise eine zu kurze Beobachtungsdauer oder zu kleine Patientenzahlen, können beispielsweise dazu führen, dass ein Behandlungseffekt nicht erkannt wird. Prinzipiell ist eine statistische Signifikanz nicht mit der klinischen Relevanz zu verwechseln.

Phasen der Arzneimittelprüfung

Wenn man heute Meldungen aus der klinischen Forschung über neue Wirkstoffe als Hoffnungsträger liest, so stammen die Daten meist aus Zwischenauswertungen der mehrjährigen Phase III-Studien. Das heißt, die mögliche Zulassung der Medikamente ist oft erst einige Jahre später zu erwarten, und es besteht weiterhin eine nicht geringe Gefahr, dass Nebenwirkungen entdeckt werden, die im schlimmsten Fall zum Abbruch der Entwicklung führen.

Die klinische Prüfung von Arzneimitteln wird in fünf Phasen eingeteilt:

•    Präklinische Studien, Dauer ca. 5–10 Jahre, Erfolgsaussicht zu Beginn < 1%, Labor, Tierversuche, Rezepturentwicklung und Stabilität (= galenische Entwicklung)
•    Phase I, Dauer meist mehrere Wochen bis Monate, 20 bis 80 normalerweise gesunde Probanden, erste Anwendung am (gesunden) Menschen mit sehr wenigen Probanden oder Patienten, Ermittlung von Wirkung und Verträglichkeit, Testen eines weiten Dosisbereichs und pharmakologische Forschung
•    Phase II, Dauer: Wochen bis Monate, 100 bis 300 Patienten, mehrere Vergleichsgruppen, Dosisfindung, Wirkung und Verträglichkeit bei Patienten
•    Phase III, Dauer: mehrere Monate bis Jahre, 1.000 bis 3.000 Patienten (je nach Indikation aber auch weniger oder mehr), umfangreiche randomisierte kontrollierte klinische Studien zum Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit bezüglich häufiger Nebenwirkungen, meist mehrere aufeinander aufbauende und einander ergänzende Studien
•    Phase IV, ständig nach Zulassung, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit werden unter Routinebedingungen getestet, Erkennen seltener Nebenwirkungen

Um ein Medikament auf seine Wirksamkeit zu überprüfen, werden umfangreiche Studien veranlasst. Dazu gibt es klar festgelegte Regeln. Im Praxistest erhält eine Hälfte der Patienten eine Vergleichssubstanz, die u. U. auch ein Plazebo sein kann, die andere ein Medikament mit dem zu testenden Wirkstoff. Weder Arzt noch Patient wissen, wer welche Therapie erhält (doppelt blinde Studie).

Quellen:
•    Schumacher M, Schulgen G, 2006: Methodik klinischer Studien:
•    Methodische Grundlagen der Planung, Durchführung und Auswertung. 2. Aufl. Springer, Berlin.

 

Die Geschichte klinischer Studien

Klinische Studien haben in der Geschichte der Medizin eine lange Tradition. Mittlerweile unterscheidet man zum Beispiel zwischen Vergleichsstudien, Cross-over-Studien, Doppelblindstudien oder evidenzbasierten Studien. Die erste bekannte Vergleichsstudie wurde vor rund 250 Jahren auf einem Schiff durchgeführt – mit zwölf Probanden. Heute können Studien bis zu 10.000 Patienten einschließen.

Bereits 1747 führte der schottische Schiffsarzt James Lind eine kontrollierte Vergleichsstudie zur Therapie von Skorbut durch. Er unterteilte zwölf Skorbut-Patienten in zwei Gruppen zu je sechs Patienten, die alle dieselbe Diät erhielten, und dann miteinander verglichen wurden. Eine Gruppe bekam zusätzlich Zitrusfrüchte und wurde rasch gesund. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich Meerwasser, das nicht zur Gesundung führte. Daraufhin führte die Britische Marine 1795 die Zitrus-Diät ein.

Cross-over-Studien

Eine der ersten sogenannten Cross-over-Studien, publizierte der Brite Caleb Hillier Parry 1786. Er verabreichte zu unterschiedlichen Zeitpunkten den Patienten verschiedene britische und türkische Rhabarbersorten, um den Nutzen des britischen Rhabarbers zu zeigen. Zu dieser Zeit ging man davon aus, dass nur der teurere türkische Rhabarber eine abführende Wirkung hat. Das Ergebnis war eine positive Bewertung des britischen Rhabarbers.
Cross-Over-Studien dienen heute dem Ausschließen von falschen Effekten bei medizinischen Studien. Die Probanden werden in zwei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 1 erhält zuerst Therapie A und anschließend Therapie B, Gruppe 2 erhält zuerst die Therapie B und anschließend die Therapie A. Von einem "echten" Unterschied kann man erst dann sprechen, wenn dieser in beiden Gruppen konsequent beobachtet wird.

Der Plazeboeffekt

1863 entlarvte der britische Arzt John Haygarth durch den Einsatz des Plazebokonzepts die Methode, Metallstäbe als Therapie gegen eine Reihe von Erkrankungen einzusetzen, als unwirksam. Patienten wurden mit identischem Effekt nicht nur mit den Metallstäben, sondern auch mit Holz, Knochen oder Tabakpfeifen behandelt.

1863 und 1865 setzten der Amerikaner Austin Flint und der Brite William Witney Gull dann erstmals unwirksame Plazebolösungen ein, um Menschen mit rheumatischem Fieber zu behandeln. Der Plazeboeffekt war vergleichbar zum Erfolg der damals gängigen Behandlungsoptionen, woraus eine Nichtwirksamkeit geschlussfolgert wurde.

Seit den 1940er/1950er Jahren ist aber bekannt, dass Plazebo durchaus einen Effekt haben kann. Der amerikanische Anästhesist Henry Beecher verabreichte im Zweiten Weltkrieg Verwundeten wegen des Morphinmangels Kochsalzlösung und beobachtete eine Schmerzlinderung. Er untersuchte nach dem Krieg den Plazeboeffekt systematisch und veröffentlichte 1955 eine bahnbrechende Beschreibung dieses Phänomens. Schon diese frühen Vorläufer der heutigen klinischen Studien zeigen beeindruckend die gültigen Prinzipien der Kontrollgruppe, des Studiendesigns und der statistischen Auswertung.

Randomisierung

Das in diesen Beispielen noch nicht verwirklichte Konzept der Randomisierung schlug der flämische Arzt Johan Baptista bereits 1662 vor. Er regte an, die Zuordnung von mehreren Hundert Patienten in Behandlungsgruppen durch Lose vorzunehmen.

1854 setzte der Brite Thomas Graham Balfour während der Scharlachepidemie dieses Konzept bei der prophylaktischen Behandlung von 151 Jungen mit Belladonna (Atropin) ein. Er stellte damals auch schon fest, dass die Studie bei nur zwei Erkrankungsfällen nicht genug Aussagekraft erreicht. Um eine aussagekräftige Erkenntnis aus einer Studie zu erhalten, muss die Anzahl der Ereignisse (hier Erkrankungen) hoch genug sein. Ansonsten entstehen leicht sogenannte Typ II-Fehler, also falsch negative Ergebnisse. Falsch negativ bedeutet, dass man beispielsweise eine vorhandene Wirksamkeit "übersieht". Das vermeidet man durch ein sorgfältig geplantes Studiendesign, hier zum Beispiel höhere Patientenzahlen, oder die Auswahl besonderer Patientenprofile, z. B. Risikogruppen.

Doppelblindstudien

Eine der ersten Doppelblindstudien war die 1926-1931 durchgeführte Michigan-Tuberkulosestudie von James Burns Amberson. Er randomisierte je zwölf Patienten durch Münzwurf in zwei Gruppen. Eine Gruppe erhielt Sanocrysin-Injektionen, die andere destilliertes Wasser. Die Gruppenzuordnung war nur zwei Ärzten und der Studienleitung bekannt.

Das Konzept der beidseitigen Verblindung (weder Arzt noch Patient kennen die Gruppeneinteilung) setzte schon der deutsche Arzt Adolf Bingel zwischen 1911 und 1914 bei einer Studie mit einem Diphterie-Antitoxin ein. Eine bewusste oder unbewusste Ungleichbehandlung durch die Ärzte und damit eine Verzerrung des Ergebnisses sollte so vermieden werden. Er stellte dazu eigens eine Plazebopräparation aus Pferdeserum her, die nicht vom Wirkstoff zu unterscheiden war.

Im Jahr 1931 rief dann das britische Medical Research Council das Therapeutic Trials Committee ins Leben. Dies führte zu den ersten multizentrischen (in mehreren Kliniken gleichzeitig durchgeführten) randomisierten kontrollierten doppelt blinden klinischen Studien. 1944 wurde eine an über 1.000 britischen Fabrikarbeitern durchgeführte Studie des Erkältungsmittels Patulin veröffentlicht. 1948 folgte dann die Publikation einer Untersuchung des Streptomycins als Therapie gegen Tuberkulose.Seither gilt der britische Statistiker Austin Bradford Hill als Begründer dieses Studiendesigns.

Evidenzbasierte Studien

Heute unterliegt die evidenzbasierte Medizin hohen Ansprüchen und Regularien. So setzen bestimmte Studien eine Teilnahme von 10.000 Patienten und mehr sowie ein sehr komplexes Studienprotokoll voraus, um zu statistisch verwertbaren Aussagen zu kommen. Ethische Grundsätze werden genau geprüft und die Koordination sehr aufwendig geplanter Studien werden durch die "gute klinische Praxis" (good clinical practice GCP) geregelt. So stellt die Durchführung klinischer Studien mittlerweile eine eigene medizinische Disziplin dar, deren Entwicklung sicher noch lange nicht zu Ende ist.

Quellen:

•    P. Kleist, C. Zerobin Kleist. Eine kurze Geschichte der klinischen Studie. Meilensteine evidenzbasierter Arzneimittelprüfungen.
•    Schweizerische Ärztezeitung / Bulletin des médecins suisses / Bollettino dei medici svizzeri 2005;

 

Multiple Sklerose im Jugendalter: Diagnose und Therapie

Bis zum heutigen Zeitpunkt sind die medizinischen Erfahrungen in Bezug auf MS bei Kindern und Jugendlichen sehr gering. Es liegen noch keine langzeitprognostischen Studien vor, auf die man sich berufen kann. Bei vielen Menschen mit MS wird jedoch vermutet, dass sie schon in ihrer Kinder- und Jugendzeit betroffen waren, die MS jedoch erst im Erwachsenenalter diagnostiziert wurde.

Erste Symptome

Die ersten MS-spezifischen Symptome bei Kindern und Jugendlichen sind meist monosymptomatisch, das heißt: Es kommt erst einmal nur ein charakteristisches Symptom vor. Häufige Erstsymptome sind Sehstörungen und SensibilitätsstörungenEmpfindungsstörungen. Die typische Verlaufsform der MS in jüngeren Jahren ist ein schubförmiger Verlauf.

Deuten vermehrte Schübe auf eine hohe Entzündungsaktivität hin, kann es im Verlauf zu irreversiblen axonalen Läsionen kommen. So haben Forschungen in den vergangenen Jahren gezeigt, dass die schubförmige Verlaufsform der Multiplen Sklerose eine "duale" Erkrankung ist: Bereits im frühen Stadium der MS kommt es nicht nur zu entzündlichen Prozessen in bestimmten Regionen des Zentralen Nervensystems (ZNS), die zum Auftreten von Schüben führen. Auch Schädigungen oder sogar Verluste der Axone (= Nervenfasern) schreiten über Jahre schleichend fort – und dies auch während der schubfreien Zeiten.

Therapie bei Kindern und Jugendlichen

Die MS-Therapie von Kindern und Jugendlichen orientiert sich an den Behandlungsrichtlinien aus der Erwachsenenmedizin, da es noch keine aussagekräftigen Studien für die junge Altersgruppe gibt.
Um ein aktives Leben führen und die eigene Zukunft planen zu können, ist gerade für junge Menschen der frühe Beginn einer immunmodulierenden Langzeittherapie empfehlenswert. Die Prozesse sollten so rasch wie möglich therapeutisch angegangen werden, denn man weiß heute, dass frühe Therapieversäumnisse im weiteren Verlauf nicht mehr auszugleichen sind. Dies sollte gerade bei Jugendlichen, die ja einen Großteil ihres Lebens noch vor sich haben, beherzigt werden. Als begleitende Therapie ist zudem von Anfang an eine Physiotherapie empfehlenswert.

Freundeskreis

Freunde haben für Jugendliche einen hohen Stellenwert. Gerade für junge Menschen mit MS ist ein Freundeskreis wichtig, in dem sie sich respektiert und angenommen fühlen. Jugendliche mit MS müssen zusätzlich zu den pubertären Problemen und Unsicherheiten lernen, mit einer chronischen Erkrankung umzugehen.

Unbedachte Äußerungen von Freunden oder Bekannten können sehr verletzend sein. Generell ist es hilfreich, offen mit der Erkrankung umzugehen. Denn viele Menschen reagieren lediglich aus Unwissenheit und Unsicherheit unpassend. Wenn sie direkt angesprochen werden auf eine Äußerung, ist ihnen das eigene Verhalten meist unangenehm. Jugendliche sollten sich bewusst machen, dass ein ausgrenzendes Verhalten anderer lediglich für deren Unreife spricht.

Erste Liebe

Auch die Erfahrung der ersten Liebe ist in diesem Alter ein großes Thema. Jugendliche versuchen oft, dem Wunschpartner zu gefallen und sich ihm anzupassen. Doch niemandem gelingt es auf Dauer, sich zu verstellen und seine Persönlichkeit zu verbergen. Wichtig ist es, einen Partner zu finden, mit dem man über die MS sprechen kann und der Verständnis für eventuelle Einschränkungen hat. Denn die Krankheit dauerhaft zu verschweigen, bedeutet eine zusätzliche psychische Belastung.

Doch wann sollte man einem potenziellen Partner von der Erkrankung erzählen? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Beim ersten Treffen muss die MS nicht gleich Gesprächsthema sein. Zunächst sollten sich beide besser kennenlernen. Wenn sich eine feste Beziehung entwickelt, ist Offenheit jedoch wichtig. Nur so lässt sich eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen.

Konflikte mit den Eltern

Die MS eines Kindes oder Jugendlichen betrifft darüber hinaus die ganze Familie. Nicht nur der Betroffene selbst, auch das Umfeld muss lernen, mit der MS umzugehen.
Symptome wie extreme Müdigkeit, Schwäche, Blasenfunktionsstörungen
und kognitive Veränderungen können Kinder und Jugendliche in ihren gewohnten Aktivitäten einschränken.

Häufig führt die MS bei den jungen Betroffenen zu Konflikten mit den Eltern. Nach der Diagnose MS machen sich Eltern große Sorgen um ihr Kind. Viele haben das Bedürfnis, es noch mehr beschützen zu müssen. Jedes Symptom und Verhalten wird genauestens beobachtet. Dadurch kann die natürliche Entwicklung eines Kindes beeinträchtigt werden.

Es gibt Fälle, in denen Jugendliche auf die Diagnose MS mit Passivität reagieren. Sie verdrängen die MS, lassen sich bemuttern und werden so immer unselbstständiger. Dadurch besteht die Gefahr, dass sich die Abhängigkeit von den Eltern verstärkt, je weiter die MS fortschreitet.

Bei anderen Jugendlichen löst das überbeschützende Verhalten der Eltern Trotz und Ablehnung aus. Alle Ratschläge, sowohl von den Eltern als auch vom Arzt, werden zurückgewiesen. Es kann vorkommen, dass die Jugendlichen absichtlich ein ungesundes Leben führen, Beschwerden verheimlichen und sich nicht an ihre empfohlene Therapie halten. Eltern sollten in diesem Fall nicht mit Vorschriften und Ermahnungen reagieren. Zeigen Sie Verständnis Ihrem Kind gegenüber und versuchen Sie, sein Selbstvertrauen zu stärken.

Unterstützung für mehr Selbstständigkeit

Eltern können ihre Kinder unterstützen, indem sie ihnen helfen, ein eigenständiges Leben mit der MS zu führen. Manchmal verschweigt ein Kind eigene Ängste und Schwächen, um die Eltern nicht zu belasten. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe zu holen. Der behandelnde Neurologe ist immer der richtige Ansprechpartner, aber auch eine Psychotherapie kann in Einzelfällen helfen. Viele Jugendliche profitieren zudem von der Unterstützung einer Selbsthilfegruppe.

Gerade in der Pubertät ist der Umgang mit der MS für betroffene Jugendliche nicht einfach. Daher ist die Unterstützung durch die Familie besonders wichtig. Dabei sollte Hilfe angeboten, aber auch die Selbstständigkeit gefördert werden.

 

Der MS aktiv begegnen

Multiple Sklerose Betroffene werden ständig aufs Neue mit den größeren und kleineren Fragen sowie Herausforderungen des Alltags konfrontiert. Im Folgenden finden Sie einige Hinweise, wie Menschen mit MS zusätzliche Belastungen vermeiden können:

•    Ignorieren Sie nie Veränderungen Ihrer MS-Symptome oder das Auftreten einer neuen Symptomatik. Sofortige Maßnahmen können das Ausmaß eines möglichen Multiple Sklerose Schubes reduzieren.
•    Vermeiden Sie unnötigen Stress! Er führt zu einer Dauerbelastung, die sich negativ auf die Multiple Sklerose und die Seele auswirken kann.
•    Genießen Sie Alkohol nur in Maßen.
•    Versuchen Sie, auf das Rauchen zu verzichten! Man muss nach dem heutigen Kenntnisstand davon ausgehen, dass Rauchen die Progression der MS beschleunigen kann.
•    Bevor die Augen müde werden, sollten Sie Fernseher und PC abschalten. Sehstörungen gehören zu den häufigsten Multiple Sklerose Symptomen. Ihre Augen werden es Ihnen danken, wenn Sie sie nicht überstrapazieren!
•    Meiden Sie übermäßige Hitze, wie Sauna oder ausgiebige Sonnenbäder. Hitze kann zu dem sogenannten Uhthoff-Phänomen, einer Verstärkung der MS-Symptome aufgrund von Wärme, führen. Tasten Sie sich am besten langsam an das Ausmaß heran, bei dem Sie sich noch wohlfühlen! Auch bei Kälte ist Vorsicht geboten. Sie wird zwar meist besser vertragen, man setzt sich allerdings leicht einer Erkältungsgefahr oder Blaseninfektion aus.
•    Machen Sie sich niemals selbst für Ihre Multiple Sklerose verantwortlich und versuchen Sie nicht über schlimme Eventualitäten nachzudenken.

Achten Sie auf mögliche MS-Symptome, meiden Sie Stress, Alkohol und Nikotin, verzichten Sie auf übermäßige Hitze und gönnen Sie Ihren Sinnesorganen gelegentlich Ruhe. Wer einige Dinge in seinem Alltag beachtet, leistet einen aktiven Beitrag für seine persönliche Lebensqualität.

 

Stand: 22.09.2016

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