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Mit Kraft und Offenheit durch den Tag

Sieben Uhr morgens: Die Sonne läutet so langsam den Tag ein. Bei Familie Hilgers aus Heinsberg ist der Alltag schon voll im Gange. Der Tag ist von morgens bis abends durchgeplant. In einem Interview schildert die lebensfrohe Frau ihren Tagesablauf und wieso es wichtig ist, offen mit MS umzugehen.

Frau Hilgers, Sie haben seit 2008 die Diagnose Multiple Sklerose erhalten. Wie äußerte sich die MS bei Ihnen?

Alles begann mit einem tauben rechten Zeh, was sich dann mehr und mehr auf den ganzen Fuß ausbreitete. Das ging dann aufs linke Bein über, bis ich nicht mehr laufen konnte. Dann kamen auch SensibilitätsstörungenEmpfindungsstörungen hinzu. Mein rechter Arm war auch komplett ‚weg‘. Es war dann sogar schon so weit, dass ich es nicht einmal mehr bis zur Toilette schaffte, da ich das Wasserhalten nicht mehr kontrollieren konnte. Im Krankenhaus bestätigte sich dann der Verdacht: Multiple Sklerose.

Und der Arzt war bei der Überbringung der Diagnose nicht besonders feinfühlig! Er sagte gleich dazu, dass ich sowieso bald im Rollstuhl sitze. Ich war fassungslos!

Zum Glück hat mir eine gute Bekannte einen tollen Neurologen empfohlen. Er ist sehr sympathisch und verständnisvoll. Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben. Und ich wüsste, wenn irgendetwas wäre, könnte ich bei ihm anrufen und auch sofort vorbeikommen.

Wie hat Ihre Familie auf die Diagnose reagiert?

Meine Familie war natürlich geschockt, aber von Anfang an für mich da. Alle haben mir geholfen, wo sie nur konnten. Sei es mein Mann, meine Kinder, meine Eltern oder auch meine Schwiegermutter – meine Familie hat mich super gut aufgefangen und sie sind eine wundervolle Stütze!

Aber auch aus dem Freundeskreis habe ich wunderbare Unterstützung erhalten. Meine Freunde waren da, wenn ich sie brauchte. Und durch so eine Krankheit trennt sich die Spreu vom Weizen. Da sieht man erst einmal, wem man wirklich etwas bedeutet.

Sie betreiben zusammen mit Ihrem Mann einen Obst- und Gemüsehandel. Können Sie uns das genauer beschreiben?

Also das Ganze fing damals mit der Hühnerhaltung meiner Schwiegereltern an, die immer größer und größer wurde – vor 5 Jahren hatten wir 2000 Hühner. Die Hühner haben wir jetzt nicht mehr, aber daraus hat sich ergeben, dass man nicht nur Eier verkaufen kann, sondern auch Äpfel oder Kartoffeln.

Und so wurde aus dem Eierverkauf mehr und mehr auch ein Obst- und Gemüsehandel. Wir kaufen von unseren Bauern hier in der Gegend das Obst und Gemüse ein. Und dann geht es ab auf Verkaufstour oder zu unseren Ständen.

Ihr Mann und Sie haben unterschiedliche Touren und Stände?

Wir haben acht Touren, auf denen wir von Haus zu Haus fahren und verkaufen. Mein Mann ist fünfmal in der Woche unterwegs, ich dreimal. Abends wird alles vorbereitet, wieder neu geladen und abgepackt, um dann am nächsten Morgen wieder loszufahren. Wir sind unterschiedlich unterwegs und fahren getrennt. Wir sind zwar manchmal an einem Tag in der gleichen Stadt, haben aber unterschiedliche Routen. 

Zudem haben wir drei Marktstände in der Woche – einmal unseren Verkaufswagen am Samstag und zweimal unter der Woche einen Stand in einem Ladenlokal.

Das klingt nach einem Tagesablauf, der vollkommen durchgetaktet ist.

Meistens klingelt bei uns der Wecker gegen 5 Uhr und gegen 7 Uhr verlassen dann alle das Haus. Wenn ich dann am Nachmittag von meiner Tour oder von unserem Stand nach Hause komme, wird dann auch gleich noch das Auto für den nächsten Tag vollgepackt. Viertel vor 9 ist dann Feierabend. Es gibt auch Tage, da fahre ich keine Tour, sondern erledige Bürosachen zu Hause und kümmere mich um den Haushalt.

Ich plane schon früh am Morgen, was ich am Tag alles erledigen möchte. Und wenn ich die Aufgaben nicht schaffe, sage ich mir, dass morgen auch noch ein Tag ist. Ich mache mich da nicht verrückt. Dann bleibt beispielsweise der Korb Wäsche halt stehen.

Machen sich bestimmte Symptome der MS bei Ihnen im Alltag bemerkbar – wie zum Beispiel FatigueTypisches MS-Symptom: Es zeichnet sich durch sehr schnelle Ermüdbarkeit sowie körperliche und geistige Erschöpfbarkeit des Betroffenen aus.?

Also die Müdigkeit – wenn ich sie denn habe – lenke ich eigentlich nicht in Richtung MS, sondern in Richtung Arbeit, weil ich halt auch viel arbeite.

Die MS lässt mich größtenteils in Ruhe und wenn mal etwas ist, konzentriere ich mich nicht darauf, sondern lenke mich davon ab. Ein Beispiel: Ich hatte mein Hausschuhe, die speziell an meinen einen Fuß angepasst sind, im Keller stehengelassen. Ich bin dann halt eine Zeit lang barfuß umhergelaufen. Dadurch fühlte sich mein Fuß irgendwann taub an und ich dachte, dass das nur von der MS herrühren kann. Ich habe dann ein paar Bewegungsübungen gemacht, gedehnt und geknetet und habe mir die Schuhe aus dem Keller geholt. Dann bin ich einfach meinen Aufgaben weiter nachgegangen und habe meinen tauben Fuß ausgeblendet. Nach einer Weile habe ich gemerkt, dass das Taubheitsgefühl verschwunden war.

Wissen Ihre Kunden, dass Sie MS haben?

Zum Teil wissen das meine Kunden. Als ich es ihnen erzählt habe, war die erste Reaktion: „Oh, Sie haben MS? Was ist das?“. Ich musste im Laufe der Zeit feststellen, dass viele gar nicht wissen, was das ist. Sie kommen mit den kuriosesten Vermutungen. Dann sage ich halt wie es ist. Und ich füge hinzu, dass es mir gut geht und alles in Ordnung ist.

Und wenn ich einmal nicht zu meinen Kunden fahren kann, gebe ich eine Woche vorher Bescheid, dass ich nicht vorbeikomme – wie zum Beispiel am Aschermittwoch.

Aschermittwoch? Sie haben also Karneval gefeiert?

Ja, das haben wir – mit viel Hopserei und Lacherei, aber auch viel Arbeit. Mein Mann und ich sind im Karnevalsverein tätig. Und in diesem Jahr war es so, dass sehr gute Freunde von uns das Prinzenpaar waren. Das Prinzenpaar sucht sich dann aus dem engsten Freundeskreis die Leute aus, die beispielsweise die Fahne tragen, als Adjutanten oder Standartenträger amtieren. Dieses Mal waren wir insgesamt 28 Leute und das war toll! Man bereitet viel gemeinsam vor – wie Kostüme nähen oder ähnliches. Das ist alles immer sehr harmonisch und man gewinnt dadurch immer wieder enge Freunde hinzu.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Ich habe eine wundervolle Familie und tolle Freunde – das prägt einen einfach! Ich habe mir dann immer gedacht: Du musst kämpfen, kämpfen und nochmals kämpfen!

Das beste Beispiel ist das Laufen: Als ich damals 2008 im Krankenhaus war, bin ich immer gelaufen. Ich hatte immer Hummeln im Hintern und wollte immer gehen und konnte nicht liegenbleiben. Ich bin da Kilometer gelaufen – zwar im Gänsemarsch, aber es ging. Und auch zu Hause bin ich viel gelaufen. Ich habe mir immer gesagt, dass ich mobil bleiben muss, sonst roste ich ein.

Ich hatte ja am Anfang auch das Problem, dass ich meinen rechten Arm nicht mehr bewegen konnte. Dadurch konnte ich das Messer auch nicht mehr richtig halten. Ich habe mich dazu gezwungen, die rechte Hand zu benutzen – und wenn das Butterbrot erst nach einer Stunde fertiggeschmiert war!

Was möchten Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben?

Bei meiner Kundschaft sind auch Menschen dabei, die eine Krankheit haben. Und dann sag ich immer, das A und O ist eigentlich, dass man darüber spricht.

Ich denke, dass wenn ich nicht von Anfang an so offen mit der MS umgegangen wäre, wäre ich jetzt nicht da, wo ich jetzt bin. Offen darüber reden – das mache ich auch bei meinen Kunden, wenn ich denen ansehe, dass es ihnen nicht gut geht. Und wenn man die Menschen darauf anspricht, dann fangen sie an zu erzählen und das Reden verbindet einen dann auch.

Das handhabe ich auch so mit meiner Freundin. Wenn Sie Probleme hat, kommt sie zu mir und wenn mir danach zumute ist, fahre ich zu ihr. Dann wird sich in den Arm genommen, gequatscht, zwei oder drei Tränen laufen dann über die Wange – und eine viertel Stunde später hat man schon wieder ein ganz anderes Thema und man ist ein anderer Mensch.

Andere Betroffene sollen offen mit der Krankheit umgehen, sich nicht zu Hause verkriechen, sondern wirklich versuchen, unter Leute zu kommen. Man sollte sich auch nicht schämen, für eventuelle Einschränkungen, die man durch die Multiple Sklerose hat.

Liebe Frau Hilgers, vielen lieben Dank für das ehrliche und freundliche Interview.


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