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Nicht aufgeben! Eine kleine Mutmachgeschichte

„Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft – vielmehr aus unbeugsamen Willen“, sagte einmal Mahatma Gandhi und diese Worte treffen auf Gabriele Milker zu. Sie lebt seit 1997 mit der Diagnose MS und seitdem hat das Leben sie vor viele Herausforderungen gestellt. Doch mit Willenskraft und Humor gelang es der lebensfrohen Frau aus Detmold diese schwierigen Situationen zu meistern. Welche Rolle dabei Ihr Motorrad spielte und was Sie anderen Betroffenen mit auf den Weg geben möchte, schildert Sie uns in einem Interview.

Frau Milker, Sie haben seit 1997 die Diagnose MS. Wie hat das Ihr Leben beeinflusst?

Das war ein starker Einschnitt in meinem Leben – wie ein neues Kapitel in einem Buch sozusagen. Ich habe vier Kinder – drei Jungs und ein Mädchen – und die MS hat mich aus meinem Mutterdasein herausgerissen. Meine Kinder waren damals zwischen 5 und 11 Jahre alt und ich musste dafür kämpfen, dass ich sie behalten durfte. Dann kam noch hinzu, dass mein Mann und ich getrennte Wege gingen – jedoch unabhängig von der Diagnose, sicherte er mir zu. Somit war ich mit den Kindern ganz allein und die Gefahr war groß, dass sie in ein Heim mussten. Doch ich bekam sehr viel Hilfe – aus der Nachbarschaft und eine von der Stadt gestellte Haushaltshilfe sowie eine sozialpädagogische Familienhilfe. Auch Freunde und Bekannte griffen mir unter die Arme, wo Sie nur konnten. Durch diese wunderbare Unterstützung konnten die Kinder bei mir bleiben.

Wie machte sich die MS bei Ihnen bemerkbar?

Besonders bemerkbar machte sich die MS 2007 – da hatte ich einen starken Schub. Das war eine sehr seltene Form, bei der ich mich gar nicht mehr bewegen konnte. Mein Rechtshirn war betroffen und da sich in diesem Bereich auch das Sprachzentrum befindet, konnte ich auch nicht mehr sprechen bzw. hat man mich nicht verstanden. Das Greifen von Gegenständen und das Schreiben gelang mir nicht mehr. Es war dann schon soweit, dass ich als Pflegefall eingestuft wurde und ich in ein betreutes Wohnen sollte.
Die Ärzte waren auch ratlos – zum Schluss ließen sie noch eine Plasmaspherese durchführen. Schulmedizinisch lässt sich das gar nicht erklären, aber wie durch ein Wunder konnte ich dann nach und nach meine Gliedmaßen wieder bewegen. Mir wurde ein zweites Leben geschenkt.

Was meinen Sie, hat dazu beigetragen, dass Sie sich nun wieder vollständig bewegen können?

Das Schelmische in mir hat mir geholfen, haben die Ärzte gesagt. ‚Lieber Arm dran, als Arm ab’ – das habe ich meinem Arzt mal bei einer Nachuntersuchung gesagt, er hat so gelacht. Gut, dass ich ihn mal zum Lachen gebracht habe, er hat ja auch nicht viel zu lachen in seiner Praxis.

Da war auch einfach so ein Wille da, vor allem auch für meine Kinder, dass ich wieder laufe! Ich habe immer in der Reha gesagt, dass ich Treppenlaufen will, damit ich wieder in meine Dachwohnung komme. Während der Reha fragte mich meine Krankengymnastin, warum ich wieder gehen will. Ich antwortete ihr, dass ich das für meine Kinder mache und damit ich den Haushalt wieder erledigen kann. Sie meinte dann, dass Sie eigentlich wissen möchte, wieso ich das für mich will! Da bin ich traurig geworden, habe kurz nachgedacht und sagte: ‚Ich möchte wieder auf meine Maschine steigen!’. Danach hat sich ein Schalter in meinem Kopf umgelegt und es ging mit dem Laufen immer mehr bergauf.

Sie wollten wieder Motorrad fahren?

Ja, ich fahre seit 2002 Motorrad. Ich bin insgesamt schon 70.000 km gefahren. Das ist meine Mobilität. Ich fahre damit einkaufen, zu meiner Tochter oder mache Sonntagsausflüge. Ich brauche das auch für meine Seele – das baut mich auf. Motorradfahren ist meine Energiequelle. Ich bin immer anders, wenn ich wieder zurückkomme als wenn ich wegfahre. Ich fahre so gern durch die Gegend – manchmal kann ich gar nicht mehr aufhören. Einmal bin ich am Stück 360 km gefahren, weil es einfach so schön war. Es ist ja auch eine Art Freiheit. Dieses Jahr mache ich den Führerschein für eine größere Maschine. Und das ist eine Qual: Das Motorrad steht nämlich schon in der Garage und ich kann es noch nicht fahren.

Schalten Sie ab, wenn Sie Motorrad fahren?

Wenn ich Motorrad fahre, werde ich total dankbar, dass ich das alles wieder so kann. Und das macht mich stolz. Ich freue mich einfach über alles – dass es so ist, wie es ist. Ich komme allein von A nach B – unabhängig und ohne Hilfe. Manchmal führt es mich an die Plätze zurück, die ich mit dieser schweren Zeit verbinde. Ich fahre ab und zu in die Klinik in der ich damals war, trinke einen Latte Macchiato und sehe meine Maschine vor der Tür stehen.

Sie haben es geschafft, wieder auf Ihre Maschine zu steigen. Gab es noch etwas, was Ihnen wichtig war?

Ich wollte arbeiten. Ich fühlte mich damals noch zu jung, um zu Hause zu sitzen und vor dem Fernseher zu versauern. Dann bin ich zum Arbeitsamt gegangen und mein erster Sachbearbeiter meinte, ich solle einsehen, dass es mit MS keinen Sinn macht zu arbeiten. Aber mein Wille war so stark und ich habe mich auch körperlich fit gefühlt um zu arbeiten. Deshalb bin ich zum Netzwerk Detmold gegangen und habe mit denen gemeinsam nach Stellen für mich gesucht. Und jetzt bin ich Kassiererin in Schulkantinen. Ich finde, ich arbeite wie jeder andere Mensch auch und es macht mir so viel Spaß.

Macht sich die MS bei Ihrer Arbeit bemerkbar?

Nein, die MS merke ich nicht. Ich habe ja auch immer wieder mit Reha sowie zu Hause mit Physiotherapie die Muskeln aufgebaut. Nun habe ich einen Behinderungsgrad von 0,1 % – quasi gesund. Sogar der Arzt weiß nicht mehr, was er dazu sagen soll. Es ist, medizinisch gesehen, unerklärlich.

Was möchten Sie anderen MS-Betroffenen mit auf den Weg geben?

Dass sie nicht den Mut verlieren – auch in schweren Zeiten! Das ist mein Anliegen, anderen MS-Betroffenen zu zeigen, dass es weitergeht. Ich möchte meine Erfahrung weitergeben, damit sich andere nicht aufgeben.

Damals, in der schweren Zeit, habe ich mir gesagt: ‚Nur für heute leben’! Nicht jetzt große Gedanken machen wie ‚ich muss wieder nach Hause und die Kinder versorgen’ – sondern in kleinen Schritten denken. So habe ich mich beispielsweise gefreut, als ich wieder einen Joghurtbecher in die Hand nehmen konnte. Ich lebte den Moment und das gab mir Kraft weiterzumachen.

Man lebt aus seiner Lebenserfahrung und dadurch bekommt das Leben so viel Wertvolles. Ich kann jetzt mit meinen Enkelkindern mehr machen als früher mit meinen Kindern und sei es einfach nur durch die Fußgängerzone zu laufen. Für manche ist das etwas ganz Normales – für mich aber ist es etwas so Wunderbares, was ich jedes Mal aufs Neue genieße.

Liebe Frau Milker, wir bedanken uns für dieses beeindruckte Interview und wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre Motorradprüfung.


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