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Sabine Lutz segelt rund um Usedom

Eigentlich ist ein Mehrtages-Segeltörn auf einem Rolli-tauglichen Segelschiff so etwas wie eine ideale Bedienungsanleitung zum Umgang mit Multipler Sklerose. Diese Erfahrung machte die 54-jährige Sabine Lutz im Herbst letzten Jahres, als sie mit acht weiteren Betroffenen "mal eben flott rund um Usedom" segelte. Seit 2006 lebt sie mit der gesicherten Diagnose MS, doch auf den Hauch von Spannung und Abenteuer will sie trotzdem nicht verzichten. Ihre Tipps für den Alltag lauten: In Bewegung bleiben, Kontakte pflegen, Neues entdecken und das Wohlbefinden fördern. Vor allem gilt aber: "Auch wenn’s schwer oder schwankend wird im Leben – jeder sollte sich trauen!"

Eben mal flott rund um Usedom – auf einem Rolli-tauglichen Segelschiff – wie kann man sich das vorstellen? Sind z. B. die Kabinen entsprechend größer oder etwa genauso eng wie auf einem "normalen" Segelschiff?

Das Schiff wurde extra für gehbehinderte Personen umgebaut. Ich habe eigentlich gar keinen Unterschied gemerkt, aber Kojen, Toiletten, Duschen und Küche sind entsprechend umgebaut. Hinzu kommen selbstbedienbare Rollstuhllifte. Alles ist für die Nutzung eines Rollstuhls breiter angelegt. Falls der eigene Rolli breiter sein sollte, gibt es aber auch die Möglichkeit, einen Bordrollstuhl zu benutzen.

Im Rahmen Ihrer Schilderungen von dem Segelturn sprechen Sie von einem gruppentypischen, gelassenen Großmut, der sich an Bord als sehr nützlich erwies. Was meinen Sie damit und was genau zeichnet diesen aus?

Den Großmut kann man hier mit einer doppelten Bedeutung sehen. Zum einen hat ein solcher Ausflug natürlich mit großem Mut und einer entspannten Haltung unvorhersehbaren Dingen gegenüber zu tun. Auf der anderen Seite herrscht innerhalb der Gruppe auf dem Schiff natürlich eine besondere Dynamik, die Mut macht. Man lässt sich von den anderen mitreißen und vertraut natürlich auch auf die Gemeinschaft. Außerdem muss man sich mit den Befindlichkeiten der anderen auf engstem Raum arrangieren, dadurch herrscht eine besondere Form der Gelassenheit. Das macht automatisch großmütiger.

Wie haben Sie und die anderen sich auf den Segeltörn vorbereitet?

Mein Mann und ich waren früher schon sehr aktiv und sind gewandert und viel Kanu gefahren. Die MS bildete eine tiefe Zäsur in meinem Leben, da mussten wir auch unsere Hobbys verändern. Und da wir bislang das Leben immer so nahmen, wie es gerade kam, hieß es jetzt in vieler Hinsicht: Umsatteln! An Land folgte die zunächst hilflose Suche nach Auswegen und möglichen gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Es sollte etwas sein, das eine hochgradig Gehbehinderte bewegt und nicht etwas, das bewegt werden muss. Dem ängstlichen Findungsprozess folgten die ersten Touren mit kleinem Motorboot nach Brandenburg/Havel. Wenige Jahre später tuckerte der Skipper mit seiner behinderten Minimannschaft mit einem etwas größeren, geräumigeren Motorboot bis nach Paris, über Belgien und Holland, durch die Ardennenlandschaft Frankreichs mitten hinein in die ober- und unterirdische Wasserwelt der legendären Hauptstadt zwischen Eiffelturm, Louvre und Sacre Coeur. Und letztes Jahr ging es dann schließlich auf das Segelboot. Wir haben also nicht an Land, sondern auf dem Wasser unser Hobby gefunden.

Helfen die Erfahrungen auf dem Schiff im Umgang mit der MS?

Eigentlich ist ein Mehrtagestörn auf einem Rolli-tauglichen Segelschiff so etwas wie eine ideale Bedienungsanleitung zum Umgang mit Multipler Sklerose. Die allseits bekannten Tipps lauten: In Bewegung bleiben, Kontakte pflegen, Neues entdecken und das Wohlbefinden fördern. Auf dem Schiff muss man jeden Tag genau beobachten, wie das Wetter wird und dann entsprechend handeln. Bei der MS ist es genauso: Ich lebe von Tag zu Tag und muss mich ganz genau beobachten.

Aber auch für den Umgang mit den MS-typischen Symptomen ist der Segeltörn ein ganz besonderes Erlebnis. Ich leide unter starken Gleichgewichtsstörungen. Bin ich aber auf dem Schiff, dann hat mein Schwanken einen Grund. Außerdem schwankt jeder auf dem Segelboot, somit machen wir alle die gleiche Erfahrung und das Verständnis für meine Befindlichkeiten wird denen, die gesund sind, deutlicher. Der Umgang mit Gleichgewichtsstörungen ist dann ganz selbstverständlich.

Und wie ist es mit den Erfahrungen, die Sie durch die MS gemacht haben? Wirken diese sich auch an Bord aus?

Die Multiple Sklerose hat mein Bewusstsein geschärft. Wenn was nicht so läuft, wie es sollte, dann weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Das hilft mir auf dem Schiff ebenso wie im Umgang mit der MS auf festem Boden. Es ist natürlich ein großer Vorteil, dass ich in meinem Leben schon so viel erlebt habe. Ich war jahrelang als Fernsehjournalistin unterwegs und da habe ich viel Selbstvertrauen schöpfen können.

Würden Sie einen derartigen Segeltörn noch einmal unternehmen?

Auf jeden Fall. Wir sind nach wie vor mit dem Motorboot viel unterwegs und planen einen Trip nach Skandinavien.

Was empfehlen Sie anderen MS-Betroffenen? Was sollten sie beachten, wenn sie ähnliche Aktivitäten planen?

Die Diagnose MS ist erschütternd und niederschmetternd. Ich habe einige Jahre gebraucht, um mich damit zu arrangieren und damit umgehen zu können. Meine Prognose war nicht besonders zuversichtlich. Ich habe sie als Zäsur gesehen und wusste: Jetzt kommt für mich eine große Veränderung. Hilfreich ist sicherlich meine grundsätzlich positive Einstellung. Ich bin ein relativ optimistischer Mensch, aber auch diese Erfahrung habe ich nur durch die MS gemacht. Das war mir vorher gar nicht so bewusst. Ich hoffe, dass ich mit meiner Geschichte anderen Menschen Mut machen kann – ich bin zu 70 Prozent schwerbehindert und kann sagen: Es geht immer weiter.

Liebe Frau Lutz, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Tipp: Wenn Sie auch Interesse an einem Segeltörn der besonderen Art haben, dann finden Sie hier weitere Informationen: www.rollisegler.de

 

 


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