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Experten-Interview: Multiple Sklerose in Zeiten der Corona-Pandemie

Multiple Sklerose in Zeiten der Corona-Pandemie
Dr. med. Judith Bellmann-Strobl ist Neurologin und Oberärztin der Hochschulambulanz für Neuroimmunologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie gibt Antworten auf wichtige Fragen rund um MS in Zeiten der Corona-Pandemie.
  1. MS-Therapie zu Zeiten der Corona-Pandemie: geht das zusammen?
    Die Multiple Sklerose ist eine chronische Erkrankung zu deren Behandlung eine regelmäßige Therapie unabdingbar ist. Auch wenn bestimmte Präparate die Patienten möglicherweise einem höheren Infektionsrisiko aussetzen, sind sie notwendig, um die Multiple Sklerose möglichst unter Kontrolle zu halten. Wir lernen in der Pandemie-Zeit ständig dazu und erleben dennoch gerade schmerzlich, dass sich diese Situation relativ lange hinzieht. Deswegen ist es umso wichtiger, die Kontinuität der medikamentösen Therapie und der Multiple Sklerose Behandlung im Allgemeinen auch während der Pandemie aufrecht zu erhalten.
  2. Sind Menschen mit MS besonders gefährdet für einen schweren COVID-19-Verlauf?
    Das muss man differenziert betrachten. Es gibt dazu mittlerweile Daten von großen MS-Zentren aus Gebieten mit hoher InzidenzAls Inzidenz bezeichnet man die Anzahl der Neuerkrankungen einer Erkrankung in einem bestimmten Zeitraum., wie den Vereinigten Staaten oder England. Durch die Ergebnisse dieser Beobachtungen haben wir heute mehr Informationen als noch zu Beginn der Pandemie. Besonders gefährdet für einen schweren COVID-19-Verlauf sind MS-Patienten, die eine immunsuppressive Therapie erhalten oder unter einer starken körperlichen Beeinträchtigung leiden. Hinzu kommen jene MS-Patienten mit Co-Faktoren, die im Kontext der COVID-19-Erkrankung per se als Risikofaktoren gelten, wie höheres Lebensalter, begleitende Lungenerkrankungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  3. Haben Menschen mit MS ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 anzustecken?
    Das ist abhängig vom jeweiligen Behandlungsplan. Es gibt MS-Medikamente, bei denen man von einem erhöhten Infektionsrisiko ausgehen kann. Dazu zählen beispielsweise Präparate, die mit einer eingeschränkten Immunkompetenz einhergehen. Aber auch das lässt sich nicht verallgemeinern, da selbst bei identischer Medikation die Auswirkungen auf die Immunzellen im Blutbild und das körpereigene Abwehrsystem individuell unterschiedlich sind. Unabhängig von der Therapie ist es für Menschen mit MS absolut anzuraten, dass sie sich die Hygiene- und Verhaltensregeln, die wir alle einhalten sollten, besonders zu Herzen nehmen. Aus meiner Erfahrung und dem Kontakt mit MS-Betroffenen sind diese aber sehr gut informiert und akribisch darauf bedacht, die Schutzmaßnahmen für sich umsetzen. 
  4. Wenn es zu einer Corona-Erkrankung kommt, sollte die MS-Therapie dann ausgesetzt werden?
    Der Umgang mit der MS-Therapie während einer akuten COVID-19-Erkrankung ist immer eine Einzelfallentscheidung. Diese ist einerseits abhängig von der jeweiligen Multiple Sklerose Medikation und andererseits vom Schweregrad der COVID-19-Erkrankung. Die Abwägung ist in der Situation von den betreuenden Ärzten zu treffen und mit dem Patienten zu besprechen. Wird ein Patient bei einem stationären Aufenthalt in der Klinik in einer internistischen Abteilung betreut, ist es durchaus sinnvoll, dass auch der Neurologe dazu geholt wird und die Therapiestrategie im Konsil, also in der Abstimmung der Ärzte verschiedener Fachrichtungen, festgelegt wird.
  5. Ist eine ImpfungErzeugung einer Immunität zur Vorbeugung einer Erkrankung. Bei Impfungen werden aktive und passive Impfungen unterschieden. Bei passiven Impfungen werden lediglich Antikörper injiziert, die gegen den Erreger gerichtet sind und diesen im Falle einer Infektion unschädlich machen. Die aktive Impfung basiert auf der Einbringung einer geringen Menge an abgetöteten Keimen bzw. Erregern in den Körper. Das Immunsystem entwickelt gegen diese Erreger eine Immunantwort. Bei einer Infektion zerstört das derart programmierte Immunsystem den Erreger. gegen COVID-19 für MS-Betroffene zu empfehlen?
    Die neurologische Fachgesellschaft und die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft haben hier eine klare Position bezogen. Diese lautet: Ja, Menschen mit MS sollten sich gegen COVID-19 impfen lassen. In der Pandemie ist das Impfen unglaublich wichtig. Die Impfung ist der Faktor, der uns aus dieser Situation herausbringen kann. Mir liegt es sehr am Herzen, hier aufzuklären und falsche Ängste abzubauen. 
  6. Sind alle Impfstoff-Typen für Menschen mit MS gleich gut geeignet?
    Generell gilt, dass Lebendimpfstoffe bei Menschen mit MS nur in speziellen Ausnahmefällen eingesetzt werden sollten. Totimpfstoffe können hingegen im Kontext der Multiple Sklerose grundsätzlich angewendet werden. Gegen COVID-19 kommen aber andere Impfstofftypen zum Einsatz. Derzeit sind das mRNA-Impfstoffe und vektorbasierte Impfstoffe, diese werden analog zu Totimpfstoff eingeordnet. Nach derzeitigem Kenntnisstand sind also beide COVID-19-Impfstofftypen bei einer bestehenden MS einsetzbar. Unter Beachtung der allgemeinen Vorgaben der STIKO (Ständige Impfkommission) gibt es aus der Perspektive der Multiplen Sklerose für die bevorzugte Empfehlung eines spezifischen Impfstoffs aufgrund der heute vorliegenden Erkenntnisse keine wissenschaftliche Grundlage. (Stand 1. April 2021)
  7. Was macht ein vektorbasierter Impfstoff oder ein mRNA-Impfstoff mit der MS?
    Beide Impfstofftypen unterscheiden hauptsächlich darin, wie die Substanz, die zur Ausbildung der Impfantwort führt, in die körpereigenen Zellen kommt. Das geschieht entweder geschützt durch eine Lipidhülle (mRNA-Impfstoff) oder vermittelt durch einen ungefährlichen Virus (vektorbasierter Impfstoff). Bezüglich bekannter Auswirkungen auf eine bestehende Multiple Sklerose gibt es zwischen vektorbasierten Impfstoffen und mRNA-Impfstoffen keine Unterschiede.
  8. Stichwort Impfgruppen: Wann kommen MS-Patienten beim Impfen an die Reihe?
    Gemäß der Coronavirus-Impfverordnung vom 10. März 2021 haben MS-Patienten aufgrund ihrer AutoimmunerkrankungEine Autoimmunerkrankung ist ein Prozess, bei dem sich Immunzellen gegen körpereigene Strukturen richten und diese zerstören. Neben der Multiplen Sklerose zählt auch die Rheumatoide Arthritis zu derartigen Autoimmunerkrankungen. nach §4 mit erhöhter Priorität Anspruch auf eine Schutzimpfung. Sie sind damit der Prioritätsgruppe 3 zuzuordnen. Je nach individueller Situation und begleitenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen kann jedoch im Rahmen einer Ausnahmeregelung entschieden werden, dass ein MS-Patient doch zur Prioritätsgruppe 2 zählt und daher gemäß §3 mit hoher Priorität geimpft werden sollte. Zur Klärung und Bescheinigung einer eventuell bestehenden hohen Priorität gibt es je nach Bundesland bestimmte Anlaufstellen. MS-Betroffene sollten sich am besten mit ihrem betreuenden Hausarzt oder Neurologen darüber beraten, wie in ihrem Fall die Impfung schnellstmöglich erfolgen kann.
  9. Sind bei der COVID-19-Impfung MS-spezifische Nebenwirkungen bekannt?
    Jede Impfung ist mit einer Aktivierung des ImmunsystemDas Immunsystem ist ein komplexes System von Zellen und Zellfunktionen in einem Lebewesen. Es dient der Abwehr von fremden Substanzen und Krankheitserregern. verbunden. Diese ist sogar ausdrücklich gewünscht, da sie die für den späteren Schutz nötige Reaktion der Abwehrkräfte anstößt. Diese Aktivierung des Immunsystems kann möglicherweise auch die Krankheitsaktivität einer bestehenden Multiple Sklerose triggern. Vom Prinzip her könnte eine Impfung auch einen MS-Schub auslösen, das ist aber sehr selten. Wichtig ist es, dies im Verhältnis von Nutzen und Risiko zu betrachten. In der momentan herrschenden Pandemie-Situation besteht ein hohes Risiko, sich trotz Vorsichtsmaßnahmen mit SARS-CoV-2 zu infizieren. Eine derartige Infektion ist zur Abwehr der Erkrankung ebenfalls mit einer Aktivierung des Immunsystems verbunden und birgt auch das Risiko, dass die Krankheitsaktivität getriggert wird. Allerdings ist eine COVID-19-Erkrankung insgesamt eine erheblich unkontrollierbarere Situation. Und das Risiko durch eine COVID-19-Erkrankung zu einem gesundheitlichen Schaden zu kommen, ist deutlich größer als durch eine Impfung. 
  10. Kann die MS-Therapie den Erfolg der COVID-19-Impfung beeinträchtigen?
    Es gibt bestimmte MS-Medikamente, bei deren Anwendung nicht von dem üblichen Impferfolg ausgegangen werden kann. Bei diesen Präparaten ist es möglich, dass die gewünschte Reaktion des Körpers auf die Impfung nicht in dem Ausmaß stattfindet, wie es ohne diese Behandlung der Fall wäre. Das ist individuell mit dem betreuenden Hausarzt oder Neurologen zu besprechen, denn die Empfehlungen variieren von Präparat zu Präparat. Nicht ratsam ist es, MS-Medikamente für die Impfung komplett abzusetzen. Menschen mit MS sollten ihre Multiple Sklerose Medikation beibehalten, gemeinsam mit dem Arzt den günstigsten Zeitpunkt wählen und sich bewusst sein, dass sich möglicherweise ein verminderter Impferfolg einstellt. Aber auch ein etwas reduzierter Impfschutz ist besser als kein Impfschutz
  11. Was, wenn der Arzt keine Empfehlung für oder gegen die Impfung erteilt?
    Eine spezifische ärztliche Empfehlung ist für die COVID-19-Impfung nicht notwendig: Jeder in Deutschland ist impfberechtigt und kann geimpft werden. Zur Bekämpfung der Pandemie wird eine Impfung der gesamten Bevölkerung zur Verfügung stehen. Menschen mit der Diagnose einer Autoimmunerkrankung wie beispielsweise Multiple Sklerose sind sogar für eine Impfung mit erhöhter Priorität qualifiziert. Außerdem gibt es die generelle Empfehlung durch die Fachgesellschaft für Neurologie und die DMSG, dass MS-Patienten eine Impfung gegen COVID-19 erhalten sollten. 
  12. Ist für MS-Betroffene das Tragen einer FFP2-Maske sinnvoll oder reicht eine OP-Maske aus?
    Es ist unbestritten, dass FFP2-Masken einen effektiveren Schutz vor einer Infektion und Virusweitergabe bieten als OP-Masken. Diese Unterschiede basieren auf der Güte des verwendeten Schutzmaterials und gelten in ihrer Konsequenz nicht nur für MS-Betroffene, sondern generell. Allerdings kann ein Mund-Nasen-Schutz nur dann optimal helfen, die Verbreitung von SARS-CoV-2 einzudämmen, wenn er auch wirklich gut sitzt. Zum korrekten Umgang gibt mittlerweile äußerst hilfreiche Informationsbeiträge von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, auch im Videoformat. 
  13. Gibt es besondere Verhaltens-Empfehlungen für MS-Betroffene zum Schutz vor einer Corona-Infektion?
    Kontakte beschränken, Abstand halten, Hygiene beachten, im Alltag Maske tragen und regelmäßig lüften sind in Summe absolut effektive Maßnahmen, um sich vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 zu schützen. Das ist nicht immer leicht umzusetzen aber wirklich wichtig. Gerade auch im beruflichen Kontext ist darauf zu achten, dass man möglichst wenige und wenn dann sichere Kontakte hat. Es ist absolut zu unterstützen, dass MS-Betroffene wo immer möglich im Homeoffice arbeiten, damit sie die Anzahl ihrer Kontakte auf ein Minimum reduzieren können.
  14. Ist die Supplementierung von Vitamin D in Zeiten der Corona-Pandemie besonders zu empfehlen?
    Die Datenlage dazu ist sehr dünn. Es gibt zwar Hinweise aus Studien, dass ein Vitamin D Mangel möglicherweise mit einem schlechteren COVID-19-Verlauf assoziiert ist. Allerdings wurden dabei wichtige Einflussfaktoren nicht berücksichtigt. Denn einen Vitamin D Mangel haben häufig Menschen, die wenig an der Sonne sind, weil sie das Haus nur selten verlassen. Das betrifft insbesondere Schwerkranke und Hochbetagte. Und dass diese Personengruppe eine schlechtere COVID-19-Prognose hat, ist hinlänglich bekannt. Es bleibt unklar, ob der Vitamin D Mangel hier eine Ursache des schweren Verlaufs ist oder nur ein begleitender Faktor. Eine Studie aus Barcelona wollte untersuchen, ob eine Vitamin D Substitution den COVID-19-Verlauf verbessern kann. Allerdings gibt es bei dieser Untersuchung so viele methodische Fehler, dass sich aus den Ergebnissen keine aussagekräftigen Schlüsse ziehen lassen. Derzeit läuft eine weitere große Studie, die methodisch ausgereifter genau diese Frage beantworten soll. Deren Ergebnisse sind allerdings frühestens im Sommer 2021 zu erwarten.

    Grundsätzlich gelten die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Wer einen Vitamin D Mangel hat, sollte diesen insbesondere in den Monaten mit wenig Sonnenlicht subsituieren. Ziel sollte es sein, einen normalen Vitamin D Spiegel zu erreichen. Mittlerweile gibt es zahlreiche Hinweise, dass Vitamin D einen positiven Effekt auf Autoimmunerkrankungen hat, zu denen auch die Multiple Sklerose gehört. Für MS-Patienten ist ein Wert im oberen normalen Bereich daher anzustreben. Keinen wissenschaftlichen Beleg gibt es momentan allerdings dafür, dass eine Vitamin D Gabe, die den Vitamin D-Spiegel über den empfohlenen Normalbereich anhebt, positive Auswirkungen hat. Im Gegenteil könnte dies sogar mit unerwünschten Wirkungen und gesundheitlichen Risiken verbunden sein. 


Web-Link: 

Erklärvideo der BZgA zum richtigen Umgang mit dem Mund-Nase-Schutz Im Alltag Maske tragen - infektionsschutz.de


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