02.09.2026 – Wissenschaft & Forschung

Multiple Sklerose-Forschung: KI stellt bisherige Einteilung der Erkrankung infrage

Eine internationale Studie nutzte Künstliche Intelligenz – und die sieht die Multiple Sklerose eher als Krankheitskontinuum statt in festen Unterformen.
Über der Hand eines Arztes schwebt ein Gehirnhologram

Die Multiple Sklerose (MS) wird bislang meist in verschiedene Verlaufsformen eingeteilt: schubförmig-remittierend, sekundär progredient sowie primär progredient. Eine internationale Forschungsgruppe kommt nun zu dem Schluss, dass diese Einteilung die tatsächlichen Krankheitsprozesse möglicherweise nur unzureichend abbildet. Mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein neues Modell entwickelt, das MS eher als kontinuierlichen Krankheitsverlauf beschreibt. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht.

KI beschreibt vier zentrale Faktoren für den MS-Verlauf

Für die Studie analysierten die Forschenden Daten von mehr als 8000 Menschen mit MS aus mehreren klinischen Studien. Dabei flossen sowohl neurologische Untersuchungen als auch Bildgebungsdaten in die Auswertung ein. Zusätzlich wurden die Ergebnisse in weiteren Gruppen von Patientinnen und Patienten überprüft. Mithilfe eines KI-gestützten Verfahrens suchten die Forschenden nach Mustern im Krankheitsverlauf – unabhängig von den bisher verwendeten MS-Unterformen. Die Analyse ergab, dass sich der Verlauf der MS vor allem durch vier Faktoren beschreiben lässt: körperliche Einschränkungen, Veränderungen und Schädigungen im Gehirn, Schübe sowie Krankheitsaktivität in der Magnetresonanztomographie (MRT) ohne spürbare Beschwerden. Auf dieser Grundlage identifizierte das Forschungsteam verschiedene Krankheitszustände, die sich im Verlauf verändern können. Dabei zeigte sich, dass Menschen mit einer frühen oder milden Form der Erkrankung häufig über längere Zeit in diesem Stadium bleiben. Ein Übergang in fortgeschrittenere Krankheitsstadien erfolgt meist schrittweise und geht häufig mit entzündlicher Aktivität einher.

Was sagt die Krankheitsaktivität der Multiplen Sklerose im MRT?

Besonders interessant war die Beobachtung, dass Krankheitsaktivität im MRT auch dann eine Rolle spielen kann, wenn keine neuen Beschwerden oder Schübe auftreten. Solche Veränderungen könnten dazu beitragen, dass die Erkrankung im Laufe der Zeit fortschreitet. Ebenso bestätigte die Analyse, dass Schübe zwar ein wichtiger Teil der Erkrankung sind, die Krankheitsentwicklung jedoch nicht ausschließlich dadurch erklärt werden kann. Vielmehr scheinen entzündliche Prozesse und Nervenschädigungen über den gesamten Krankheitsverlauf hinweg eine Rolle zu spielen.

Was bedeuten die Ergebnisse der neuen MS-Studie?

Nach Ansicht der Forschenden könnte das neue Verständnis langfristig dabei helfen, Krankheitsverläufe genauer einzuschätzen, Behandlungen individueller auszuwählen, neue Medikamente zu entwickeln und klinische Studien besser zu planen. Die neue Klassifikation stellt momentan aber nur einen wissenschaftlichen Ansatz dar, der noch in weiteren Untersuchungen bestätigt und für die klinische Praxis nutzbar gemacht werden muss. Für Menschen mit MS ergeben sich aus der Studie deshalb keine unmittelbaren Änderungen ihrer Behandlung. Die bestehenden medizinischen Empfehlungen bleiben unverändert.

Autorin: Dr. Eva Junker, Biermann Verlag GmbH, Köln


Referenzen:

Ganjgahi H et al. AI-driven reclassification of multiple sclerosis progression. Nat Med 2025;31(10):3414–3424.