07.05.2026 – Wissenschaft & Forschung

Stammzelltherapie könnte Schäden an der Myelinschicht reparieren

Durch direkte Injektion neuraler Stammzellen in geschädigte Bereiche ist es einem europäischen Forscherteam bei Mäusen gelungen, Schäden an der Myelinschicht zu reparieren.
Reagenzgläser mit Pinzette

Bei der Multiplen Sklerose (MS) greifen fehlgeleitete Immunzellen die schützende Myelinschicht von Nervenzellen an und schädigen diese. In frühen Phasen der Erkrankung können diese Läsionen noch repariert werden, indem sich Vorläuferzellen zu sogenannten Oligodendrozyten entwickeln, die neues Myelin produzieren (Remyelinisierung). Im Krankheitsverlauf lässt diese Fähigkeit jedoch immer stärker nach und es kann zu dauerhaften Schäden und fortschreitender Behinderung kommen.1

Forschende untersuchen daher, wie der Reparaturprozess aufrechterhalten oder angekurbelt werden kann, und setzen ihre Hoffnung u.a. auf die Transplantation neuraler Stammzellen (NSC). Erste Versuche bei progressiver MS zeigten, dass eine solche Transplantation durchführbar und in der untersuchten Gruppe sicher war. Zudem fanden sich Hinweise darauf, dass die Hirnatrophie durch die NSC-Transplantation zurückging. Außerdem schienen die transplantierten Zellen entzündungshemmend zu wirken und die sie umgebenden Zellen zu stärken. Dass die NSC zur Remyeliniserung beitragen, konnte bislang aber noch nicht nachgewiesen werden.2 

Transplantierte Stammzellen sorgen für ein gutes Milieu

Dies ist nun einem europäischen Forschungsteam um Luca Peruzzotti-Jametti von der Universität Cambridge (Großbritannien) gelungen. Dieses hatte die Mechanismen, durch die NSC-Transplantate die Remyelinisierung im zentralen Nervensystem fördern, eingehend an Mäusen untersucht. Dazu arbeiteten die Wissenschaftler mit Tieren, bei denen sie künstlich Schäden an der Myelinschicht im Rückenmark auslösten. In diese sogenannten Läsionen injizierten sie anschließend induzierte NSCs (iNSCs). Diese Stammzellen haben den Vorteil, dass sie vom behandelten Individuum selbst stammen und daher nicht abgestoßen werden.1

Nach Verabreichung der iNSCs beobachteten die Forschenden eine verstärkte Umwandlung vorhandener Vorläuferzellen in myelinbildende Oligodendrozyten. Als zugrunde liegenden Mechanismus vermuten die Forschenden die Ausschüttung von Wachstumsfaktoren und die Schaffung eines unterstützenden Zellmilieus durch die iNSCs.1

Der Weg zur therapeutischen Anwendung ist noch weit

In Tieren, bei denen die Neubildung von Oligodendrozyten nicht möglich war, beobachteten die Forschenden hingegen, dass die transplantierten Zellen selbst zur Bildung einer neuen Myelinschicht beitrugen. Zudem konnten Peruzzotti-Jametti et al. nachweisen, dass die Transplantation von menschlichen iNSCs in Mäuse nicht nur sicher war, sondern die übertragenen Stammzellen auch langfristig in demyelinisierenden Läsionen verblieben, wo sie menschliches Myelin produzierten.1

Insgesamt untermauerten die Ergebnisse die mögliche Wirksamkeit von iNSCs als Remyelinisierungs-Strategie, da die Zellen kaum Abstoßungsreaktionen auslösen und zugleich immunmodulatorisch wirken, erklärten die Forschenden. Zudem lieferten sie Belege für eine durch das Transplantat ausgelöste Remyelinisierung. Dies weise den Weg für zukünftige therapeutische Anwendungen. Allerdings seien bis dahin noch zahlreiche weitere Fragen zu klären und zusätzliche Studien nötig, schränken Peruzzotti-Jametti und Kollegen ein.1

Autorin: Dr. Eva Junker – Biermann Medizin


Referenzen:

  1. Peruzzotti-Jametti L et al. Remyelination of chronic demyelinated lesions with directly induced neural stem cells. Brain 2025;148(10):3505–3513. https//doi.org/10.1093/brain/awaf208
  2. Genchi A et al. Neural stem cell transplantation in patients with progressive multiple sclerosis: an open-label, phase 1 study. Nat Med 2023;29(1):75–85. https://doi.org/10.1038/s41591-022-02097-3